Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 141 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Judenthum und seine Geschichte. 141 durfte aber andererseits äußerlicher Hüllen, die es schützten, und selbst diese wurden durch jene durchgeistigt und befestigt. Für das Verständniß der damals herrschend gewordenen Geistesrichtung muß aber etwas noch besonders hervorgehoben werden, nämlich die Schriftdeutung. Schon die aus Babylon zurückkehrenden Juden suchten für ihre Thaten und Ansichten die Rechtfertigung in dein alten Schriftthum, und so wurden immer die alten Bücher nach ihren einzelnen Aussprüchen befragt. Der Geist der Tradition als Trieb zur Fortentwickelung war wol da, aber entschieden mit dem Veralteten zu brechen und die Aendernngcn als blos durch die Zeitnmstände geboten darzustellen, so weit kam man nicht. Was in der Schrift enthalten war, das mußte in der Gegenwart geltend scheinen. „Man suchte vielmehr das eine herauszudeuten, anderes hineinzulegen, Verschiedenartiges zu entwickeln, kurz, man wollte die ganze Gegenwart in die Vergangenheit, in den geschriebenen Buchstaben hineintragen, mn sich selbst die Beruhigung zu verschaffen, daß man wirklich aus der Vergangenheit schöpfe/' Diese Richtung wurde durch manche Eigenthümlichkeiten der hebräischen Sprache begünstigt. Die Umdeutungen wurden durch Veränderung der Vocalisation oder durch eine andere Wortverbindung im Text kenntlich, und manche solcher kleinern Aenderungen haben die alten Lesarten verdrängt und sich dauernd im Bibeltext erhalten. Später, als man sich dem Buchstaben der Schrift mehr unterordnete, wagte man auch das nicht, ja es wurde ausdrücklich gelehrt, die Vocalisirung des Textes ist ein Zaun der Lehre und muß bleiben. Jetzt sollte selbst die Tradition theils als eine von Moses mündlich überlieferte Lehre, theils als in der Schrift angedeutet und durch Jnterpretationsregeln herausgefunden erscheinen, dienur auf die Anschauung passen, daß in dem göttlichen Buche nichts überflüssig und zufällig sei., Akiba ist der vorzüglichste Vertreter dieser Richtung, und er verdankt seiner Wirksamkeit nach dieser Seite hin auch den verherrlichenden Nachruhm. Dadurch trat eine völlige Umgestaltung im Leben des Judenthums ein, obzwar man am Herkommen sestzuhalten schien; es mußte ein Abschluß eintreten; dieser fand seinen Ausdruck in der Mischna, die «'.0 Jahre nach Akiba von Rabbi Jehnda dem Fürsten abgeschlossen wurve. Das Wort bedeutet Wiederholung, da damals nichts als neu schien. Fast die größere Hälfte füllen Belehrungen über bereits aus dem Leben geschwundene Gesetze aus, weil inan eben damals mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart lebte. Die geistige Thütigkeit in Palästina hatte hier den Gipfelpunkt erreicht. Bald wird Babylonien der Hauptsitz des Judenthums, und Schulen, in denen ein frischer Geist herrscht, blühen aus. Es erhielt einen solchen Vorrang, daß man es als sündhaft erachtete, nach Palästina zu überstedeln. Wol treffen wir auch hier romantische Gemüther, in denen die Sehnsucht nach Palästina glüht, aber sie gehören zu den Ausnahmen. In Babylonien herrscht ein gesunderer Realismus. Die Messiaszeit ist nach einem dortigen Lehrer die Wiedererlangung der politischen Unabhängigkeit. In Palästina stand es fest, daß man Rechtssprüche blos von einem Gericht verlange, in Babylonien wurden die auf rechtlichen Grundsätzen gebauten Staatsgesetze als religiös gültig gestempelt. Der Lehrer, in dessen Namen diese Aussprüche mitgetheilt werden, hieß Samuel, ein Mann, der sich mit Arzneikunde, Mathematik und Astronomie befaßte. Von dieser Selbständigkeit zeigt auch die Einrichtung eines stehenden Kalenders, wodurch die frühern Bestimmungen über die Beobachtung und Verkündung des Neumonds und andere daraus sich ergebende Konsequenzen aufgehoben wurden. Die doppelte Feier der Festtage schien unnötbig, nur für das Neujahr wurden die zwei Tage festgehalten, ja man verschob die Feste für gewisse Fülle. In dem Gebet um Regen wurde von dem palästinischen Gebrauch abgegangen und es für eine Zeit bestimmt, in der ein solches den klimatischen Verhältnissen Babyloniens angemessen ist. Ueberhaupt war in Babylonien das