Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 140 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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140 Jtlustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. sonderten sie sich immer mehr von ihren Mitbewohnern ab, und als eine abgesonderte Gemeinde wurden sie auch behandelt. Jetzt und noch mehr unter den christlichen Kaisern häuften sich die Verfolgungen gegen die Juden, und diese richteten nun ihre Blicke auf eine Zukunft, als deren Ideal die Vergangenheit dargestellt wurde, wie überhaupt in dem nun einbrcchenden Mittelalter die Gegenwart nichts gilt, nur Erinnerungen aus der Vergangenheit und Träume in die Zukunft die Geister erfüllen; jene sollte nur als Abbild der in einer idealen Beleuchtung erfaßten Vergangenheit werden. Im Judenthum schwindet jetzt die klare Anstauung der Geschichte, alle Zeiten sind sich gleich. „David und Mephiboset stritten miteinander über ganz vereinzelte untergeordnete gesetzliche Fragen mit allem scholastischen Ernste, ja Sem und Eber hatten bereits Lehrhäuser eingerichtet, wie die spätere Zeit sie aufzeigle." So war auch die strengste Gesetzlichkeit bekräftigt, wo man an eine Unterschiedenheit in der Entwickelung nicht dachte, und das ist die Schattenseite des mittelalterlichen Judenthums. Doch beweist der unerschütterliche Bestand des Judenthums durch achtzehn Jahrhunderte, daß ein gediegener Gehalt ihm innewohnte. „Wenn geknickte Stämme, wie das Judenthum, mit Schlingpflanzen überwuchert, immer nur neuen Stürmen ausgcsetzt sind und dennoch sich erhalten, so muß die Wurzel eine gesunde, müssen die Säfte lebensfrisch sein." An der Spitze dieser Richtung steht Akiba Ben Joseph, der an dem Aufstande Ben-Kosiba's mithilft, „die pharisäischen Grundsätze in scharfer Aeußerlichkeit mit Consequenz durchführt, und dieser Mann stellt Lehren über Gottes Geistigkeit und die Erhabenheit der Menschen ans, die eine tiefinnerliche Anschauung bekunden. Diese würdige Auffassung der Menschen zieht sich durch die Geschichte des jüdischen Volks hindurch, und Lessing's Nathan ist eben ein solcher, „ein Mann der Welt, aber dabei ein Weiser, ein Mann, der aus dem Leben schöpft, aber dennoch mit Duldsamkeit und Sanftmuth darauf hinschaut, in jedem Menschen einen edeln Grund anerkennt und von diesem aus auch seine Entwickelung fördern zu können die frohe Hoffnung trägt." — In der dritten Vorlesung wird Akiba's Lehre vom Menschen noch des weitern erörtert. „Der Mensch an sich ist ein ausgezeichnetes Wesen. Der umfassende große Grundsatz der Lehre ist: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Allen Menschen ohne Ausnahme gebührt der Antheil am ewigen Leben." Diese Sätze genügen, Akiba's Denkweise zu bezeichnen. ' Man muß dazu bedenken, wie schroff sich das Judenthum unter den Verhältnissen dieser Zeit abschlicßen mußte, und wie es doch die Anerkennung alles Menschlichen nicht fallen läßt. Und Akiba's Lehre war nicht die Ansicht eines einzelnen, sie tönte durch die Zeiten fort in dem Satze: Die Frommen unter allen Nationen und allen Religionen haben Antheil an dem ewigen Leben.*) Jeder Mensch, der die geistige Vollendung anstrebt, hat Geltung, und danach, nicht nach Rang und Stellung, wird er gemessen. Die Krone des guten Mannes ist die wichtigste, weil sie der Lohn der Pflichttreue ist. In solchen Lehren erkennt man nicht den eifrigen Vertreter des nationalen Gesetzes, eine solche Anschauung von dem Menschen schlechthin beweist, wie lebendig der Geist des Judenthums ihn durchströmte. Akiba war ein Mann aus dem Volk, weder einem höhern Stande angehörig, noch im Besitz der ererbten Priesterwürde, und doch erhob er sich zur höchsten Bedeutung in Israels Mitte. Der Gelehrte hatte Anerkennung, selbst ohne Amt und Würde, und die Handauflegung, welche schon aus den ältesten Zeiten sich herleitet und durch die damals der Weise das Recht zu lehren erhielt, war nur ein Zeichen der Anerkennung, nicht der Verleihung einer geistlichen Macht. So war die innere Kraft des Judenthums gestaltet, es be- *) Dieser Satz wurde fast zum Sprichwort, sodcch man in neuerer Zeit erst die Quelle suchte, aus der er in den Mund des Volks floß.