Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 132 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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132 Jllustr. Monatsh. für die gef. gebrauchte. Es handelte sich hier um den Talmud, und Holdheim trat mit dem Talmud für den Talmud und gegen den Talmud auf. Das heißt so: Er glaube fest an eine Tradition, weil ohne eine solche die Schrift unverständlich und praktisch unanwendbar, andererseits der Geist vom Bucbstaben geknechtet und dieser allein Herr wäre. Aber nur die Regeln, nach welcher auS den kleinsten Andeutungen der Sinn der Schrift Zu ermitteln, seien überliefert, nicht aber der Inhalt selbst u. s. w. Hier steht Hoidheim noch aus dem Boden der Tradition, nur hatte er in der Auslegungsmethode eine größere Freiheit angestrebt. Die Aufnahme Geiger's in Breslau und die Schritte, welche Tiktin gegen den rcsormatorisch gesinnten Prediger unternahm, veranlagten das Obervorstehercollegium, Aussprüche von Sachkennern über die Angelegenheit zu vernehmen. Es wurden nicht weniger als siebzehn von den cingelaufenen Gutachten gedruckt. Als einer der ersten ist nun Holdheim zu nennen, der sich eingehend und gründlich über den Gegenstand verbreitete und hier seine eigene Stellung zu der Frage des Glaubens klar darlegte. Nicht zu leugnen ist, daß Geiger's Anschauungen auf Holdheim eingewirkt, und daß dieser seine eigenen Ansichten an denen des Mitstrebenden klärte. Den größten Einfluß aber auf alle jünger» Kräfte, die sich damals an den religiösen Kämpfen betheiligten, hatte Zunz. Alles, was der Gelehrsamkeit und Bildung angehörte, ging Hand in Hand. Wenn Geiger zur Gründung einer theologischen Facultät als einem dringenden Zeitbedürfniß aufforderte, wenn ihm später Philippson in diesem Rufe folgte, so vereinigten sich nicht blos. mit ahnen vr. Jsler und Holdheim, sondern es predigten auch Sachs und Mannheimer darüber. Noch hatten, wenn man die Romantiker von der Sorte des Herrn Samson Raphael Hirsch ausnimmt, alle Strebenden ein gleiches Ziel: wissenschaftliche Begründung des Judenthums; noch war der Kampf nicht so weit gediehen, um innerhalb der auf Einer Seite stehendem Partei eine un- Jnteressen des Judenthums. aussüllbare Kluft zu öffnen. Vor allen aber ist es Holdheim, der in jener Zeit als Prediger, Organisator und Schriftsteller ein einzelner Stimmführer wie als verbündeter Genosse einen ungemeinen Fleiß entwickelte. Bei schwächlichem Körperbau und nicht allzu rascher Productionsfähigkeit verdient fein Fleiß und seine beharrliche Thätigkeit um so mehr Anerkennung. Alles, was Holdheim biSjetzt geschrieben hatte, kann als ein literarisches Geplänkel, als ein Vorpostengefecht betrachtet werden zu der entscheidenden Schlacht, die er jetzt schlagen sollte. In Mecklenburg-Schwerin, wo er seit 1840 wirkte, bestand noch die alte Praxis, daß Ehe- und Erbschaftsangelegenheiten der Juden nach talmudischem Recht geordnet wurden; daraus entstanden mancherlei Unzukömmlichkeiten, wie z. B., wenn es sich um Erbschaftssachen, um die Verschollenheitserklärung eines Ehemannes oder um eine Scheidung handelte. Holdheim drang darauf, an Stelle des mosaisch-jüdischen das Staasgesetz treten zu kaffen. Die leitenden Grundsätze, aus denen ein solcher Wechsel die religiöse Rechtfertigung erhielt, legte er nieder in der Schrift: „Ueber die Autonomie der Rabbiner und das Princip der jüdischen Ehe. Ein Beitrag zur Verständigung über einige das Judenthum betreffende Zeitfragen", (Schwerin und Berlin 1843). Die Re-, snltate, zu welchen Holdheim in dieser Schrift gelangte, sind folgende: Die Autonomie der Rabbiner muß aufhören. Die Trennung des Religiösen vom Politischen und Bürgerlichen. Die Ehe ist nach der Lehre des Judenthums ein Civilact. — Die Bedeutung dieser Schrift ward sofort von Gleichgesinnten sowol als von Gegnern in ihrer Tragweite erkannt, und es konnte nicht fehlen, daß sie eine Anzahl von Schriften und Gegenschriften hervorrief, welche sich zustimmend oder ablehnend, je nach der Anschauungsweise der Verfasser, verhielten. Es seien hier nur die Namen Bernstein, Heß, Hirsch, Frankl, Kirchheim, Gebhardt, Wessely, Zunz, Jellinek, Löw und Heilpern genannt, um zu zeigen, welche Bewegung Hold-