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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-11-01 · Heft 2 (November 1865) · p. Seite 129

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 2 (November 1865)
Date
1865-11-01
Page
Seite 129 (sequence 49)
Language
German
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Biblische Stoffe in der neuern deutschen Dichtung. 129 gäbe von 1781 unbefangen liest, der muß anerkennen, daß Bodmer keineswegs so sehr aller poetischen Intention entbehrte, als man oft genug behauptet hat. Sulzer, einer der scharfsinnigsten und gewissenhaftesten Aesthetiker des 18. Jahrhunderts, hat Bodmer's „Noachide" sehr hoch geschätzt und die Gründe seines Urtheils mehrmals eingehend dargelegt (in seiner „Theorie der schönen Künste" und in einer eigenen Abhandlung „Gedanken von dem vorzüglichen Werth der epischen Gedichte des Herrn Bodmer"). Wol sind Bodmer's Verse (Hexameter) hart und rauh, seine Darstellungen oft weitschweifig und ermüdend, viele seiner Bilder gesucht und gezwungen, aber seine Schilderungen sind bei alledem von drastischer Wahrheit, die Charaktere seiner Heldeil sind consequent gehalten, und es herrscht in seinen Dichtungen ein gesunder Realismus voll Kraft und Klarheit, welcher zumal im Vergleich mit dein Gedankenwust der Klopstock'schen Oden und den seraphischen Ungeheuerlichkeiten der „Messiade" wohlthiiend bericht. In der „Noachide" hatte Bodmer die Erhaltung des Menschengeschlechts durch Noah besungen; in dem epischen Gedicht „Die Sündflut" (5 Gesänge, Zürich 1755) schilderte er den Untergang der sündhaften Generation in den Wassern der Sündflut, aber obgleich dieser Stoff einer poetischen Behandlung näher zu liegen scheint als selbst die Errettung Noah's, so reichte Bodmer's Phantasie doch nicht aus, um die im Stoffe liegenden Keime zu großartigen Scenen in rechter Weise sich entwickeln zu lasseil. Ebenso werthlos sind die Gedichte: „Jakob und Joseph" (vier Gesänge, Zürich 1751; schildert Jakob's Reise nach Aegypten) und „Jakob's Wiederkunft" (im ersten Theil von Bodmer's Gedichtsammlung „Calliope", Zürich 1768; erzählt die Heimkehr Jakob's von Haran in sein väterliches Haus). Dagegen enthält das Gedicht „Joseph und Zulika" (zwei Gesänge, Zürich 1753; schildert Joseph's Leben im Hause Potiphar's, dessen Frau hier Zulika genannt ist) Hilberg's JUustrirte Monatshefte, tl, 2. — November i mehrere interessante und lebhaft erzählte Scenen. Erwähnenswerth ist ferner das kleine Epos „Die gefallene Zilla" (drei Gesänge, Zürich 1755) wegen der Frische der Darstellung und wegen der originellen Wendung eines vielbehandelten Stoffs. Das Gedicht erzählt den Fall der ersten Menschen — in einer andern Welt; aber hier kommt das Weib allein zum Fall, der Mann bleibt gehorsam dem Gebot Gottes, und Gott gibt ihm dafür ein andres Weib. Einzelne glückliche Momente finden sich auch in der Idylle „Die Töchter des Paradieses" (Zürich 1768). Wie Bodmer der erste war, welcher biblische Stoffe in die deutsche Literatur einführte, so hat er sich auch schon vor Klopstock in biblischen Dramen verflicht. Seine ersten zwei Dramen mit biblischen Stoffen sind: „Der erkannte Joseph" und „Der keusche Joseph" (Zürich 1754), welchen noch viele andere folgten, so „Der Vater der Gläubigen" (Zürich 1778; behandelt die Aufopferung Jsaak's), „Der Fußsall vor dem Bruder", ein biblisches Drama für Kinder (Zürich 1773; schildert die Großmuth Joseph's gegen seine Brüder) u. a. Die Dramen: „Der Tod des ersten Menschen" und „Die Thorheiten des weisen Königs" (Zürich l776) wurden durch Klopstock's „Tod Adam's" und „Salomo" veranlaßt, können aber mit diesen durchaus nicht in Vergleich gezogen wexden. Ueberhaupt war Bodmer's Talent für das Draina nicht im entferntesten geeignet, obgleich er auf diesem Gebiet der Dichtung sich mit Vorliebe bewegte und sehr viele biblische, politische und historische Trauer- und Schauspiele verfaßte. Aber daß er der Begründer des biblischen Dramas in Deutschland ist, dieses Verdienst — wenn man es schon als ein solches gelten lassen will - muß gleichwol anerkannt werden. vr. Adolph Stamm. 9 4

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