Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 128 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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128 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Wenden wir uns nun den Dichtern selbst zu, welche biblische Stoffe wählten, so ist in erster Reihe ohne Frage derjenige zu nennen, welcher eben diese Gattung der Poesie in Deutschland eingeführt hat, wenn auch seine Leistungen an sich nicht die Bedeutung haben, welche ihnen vom literargeschichtlichen Standpunkte aus zuerkannt werden muß. Gleichwol scheint uns das festzustehen, daß die. Verdienste Bodmer's noch, lange nicht genugsam gewürdigt worden sind. Wenn man von Bodmer spricht, so denkt man fast nur an seine gegen Gottsched gerichteten Streitschriften, seine poetischen Werke dagegen sind kaum den: Namen nach bekannt. Und doch verdienen auch sie die volle Beachtung des Literarhistorikers. Es kann unsere Aufgabe nicht sein, diese Behauptung nach allen Seiten zu begründen, da wir nur die biblischen Dichtungen Bodmer's in Betracht ziehen dürfen, aber gerade in diesen liegt der Schwerpunkt der dichterischen Wirksamkeit Bodmer's, und wir hoffen, es soll aus unserer Darstellung hervorgehen, daß der Dichter der „Noachide" ebenso sehr eine „Rettung" verdient als sein Gegner Gottsched, dessen wirkliche Verdienste um deutsche Sprache und Literatur man so lange verkannt hat, und dem gegenüber man jetzt, seltsam genug, in das entgegengesetzte Extrem verfallen ist, in eine maß- und ziellose Werthschätzung, in eine Anerkennung, die alles roth in roth malt und nirgends auch nur ein dunkles Pünktchen zugeben mochte. Den Plan einer „Noachide" faßte Bodmer, wie wir bereits hervorgehoben, lange Zeit vor dem Erscheinen der drei ersten Gesänge der>,Messiade" (1748), doch erschien das Gedicht vollständig erst 1752 unter dem Titel „Noah, ein Heldengedicht in zwölf Gesängen". Es wurde bis zum Tode Bodmer's (1783) viermal aufgelegt und galt lange als eins der gelungensten epischen Gedichte der deutschen Literatur; jetzt ist es vergessen und verschollen, und sicherlich mit Recht, denn es entspricht in keiner Weise den Anforderungen, welche die Gegenwart an ein großes episches Gedicht zu erheben berechtigt ist. Wenn wir dessenungeachtet tadeln, daß man über den Werth des Gedichts so vornehm stolz abzuurtheilen pflegt, so sind wir weit entfernt zu wünschen, daß Bodmer's „Noachide" (diesen Titel erhielt das Gedicht in der zweiten Auflage) auch jetzt noch in aller Händen sich befinde. Es ist eben ein großer Unterschied zwischen der literarhistorischen und der ästhetischen Bedeutung eines Werks. Diese kann einem Gedicht gebühren, dem jene fehlt, und es gibt Fälle, in welchen eine Dichtung von sehr geringem ästhetischen Werth in der Geschichte der Literatur eine weitaus größere Rolle spielt als ein künstlerisch vollendetes Werk aus derselben Zeit. Der Kunstrichter wird sich keinen Augenblick bedenken, Goethe's „Iphigenie" unendlich höher zu stellen als „Götz von Berlichingen"; die Literaturgeschichte dagegen, wenn sie an dem einzig berechtigten kulturhistorischen Standpunkt festhält, muß dem Jugenddrama unsers großen Dichters eine viel lebhaftere Besprechung widmen als dem formvollendeten Meisterwerk aus der Höhezeit seiner Entwickelung. Diesem Grundsatz gemäß sollte der Literarhistoriker auch den Gedichten Bodmer's, namentlich der „Noachide" gegenüber Vorgehen. Bodmer's Epos ist, wir wiederholen es, von der gegenwärtigen Generation mit Recht beiseitegelegt. Es theilt dieses Schicksal mit den meisten Dichtungen aus jener Zeit, mit Ewald von Kleist's „Cissides und Paches", mit Geßner's Idyllen, mit Lessing's und Wieland's Jugendwerken, und — sagen wir es frei heraus — mit der „Messiade". Aber seiner historischen Bedeutung sollte man es nicht berauben wollen, man sollte anerkennen, daß es in den literarischen Verhältnissen der Zeit, in der es entstanden, die Berichtigung seiner Existenz hat. Im Vergleich mit andern poetischen Werken aus seiner Periode tritt Bodmer's Epos aus deni Schatten hervor, in welchen es eine oberflächliche und parteiische Kritik gestellt hat, und wer die „Noachide" zumal in der durchweg verbesserten Aus-