Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-11-01 · Heft 2 (November 1865) · p. Seite 120

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 2 (November 1865)
Date
1865-11-01
Page
Seite 120 (sequence 40)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2417805-2417813-2417815--638-2418479
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

120 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Redner und Dichter gewesen. Aus dieser Zeit dürfte z. B. das jetzt am Sabbathmorgen übliche Gebet: „Gott, Herr aller Werke, gesegnet und verherrlicht in aller Munde, seine Hoheit und Liebe füllt die Welt" u. s. w., angehören, und es mag wol noch manche dergleichen gegeben haben, die im Lauf der Zeit verloren gingen. Außer der liturgischen ist besonders die Volkspoesie zu nennen. In den Talmuden und Midraschim finden sich zahlreiche Gnomen und Sprichwörter, in denen ein gewisser Rhythmus herrscht, viele Fabeln und Parabeln, die man ebenfalls nur als prosaische Dichtungen bezeichnen kann. Um die Sammlung der erstem haben sich Fürst und Dirkes sehr verdient gemacht, von den letztem, die wol hier und da schon gesammelt und übersetzt worden, werden wir bei Gelegenheit einige Proben geben. Als ein solcher Fabel- und Spruchdichter war in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts der als Autor eines Mischnawerks wichtige Bar-Kappara —Kyprian — bekannt, dessen Wohnort Parud (Jebrud?) in Palästina war. Die Fuchsfabel war damals im Schwange und schon Rabbi Meir soll solche verfaßt haben. Der Fuchs galt als Symbol der List, weil er wie der Midrasch an einer Stelle es motivirt, seinen Blick oft nach rückwärts wendet. Bei Hochzeitsmählern und andern freudigen Anlässen bildeten Fuchsfabeln die aufregende Würze; eine Sitte, die bei den erster» sich in anderer Form noch lange forterhielt. Rabbi Jehuda der Fürst lud zum Hochzeitsmahl seines Sohnes Simeon alle Schriftgelehrten seiner Schule ein, Bar-Kappara vergaß er. Da schlich dieser, während alle Gäste bei der Tafel saßen, unbemerkt zu dem Hochzeitshause undschrieb auf das Thor: Was frommt tolles Freudenspiel, Der Tod ist aller Freude Ziel. Rabbi Jehuda stand' verwundert da, als ihm diese Aufschrift zu Gesicht kam, und er fragte, wer sich wol diesen bittrn, tiefernsten Scherz erlaubt habe. Man rieth bald aus den durch Rabbi Jehuda's Gleichgültigkeit beleidigten Bar-Kappara, und der fürstliche Gastgeber ordnete etwa tags darauf eine zweite Tafel an, zu der auch Bar- Kappara eine Einladung erhielt. Hier gab er so viele und pikante Fuchsfabeln zum besten, daß die Gäste vor Aufmerksamkeit die aufgetragenen Speisen vergaßen. Diese wurden kalt und niemand hatte sie gekostet. Da machte ein Tafeldiener seinen Herrn aufmerksam, er möchte doch Bar-Kappara ein wenig zum Schweigen bewegen. Rabbi Jehuda that dies, und Bar-Kappara sprach zu ihm: „Nicht wegen deines Mahles, sondern weil du mich früher nicht zu deinen Gästen zähltest, bin ich heute gekommen; sagt ja schon Salomo, daß der Mensch bei dem unaufhörlichen Wechsel der Zeiten kein bleibend Glück auf der Erde gewinne!" Jetzt war es Rabbi Jehuda klär, daß der Thürenbekritzler wirklich kein geringerer Mann als Bar-Kappara war; sie söhnten sich vollständig aus, und Bar-Kappara sprach mit Bezug auf die ersten Verse: Nicht dein ist diese Welt, Doch strömet hier dir Freudenfülle; Ganz dein ist jene Welt, Welche Wonne, wenn abgestreift die Hülle. Bar-Kappara war ein tiefsittlicher Charakter, ein Mann von echter Frömmigkeit und dabei von praktischer Lebensklugheit. Sein Wahrspruch war der Satz aus den Sprüchen Salomo's: „In allen deinen Wegen merk' auf ihn (Gott), und er wird deine Pfade ebnen"; doch war sein Gottvertrauen kein müssiges, und er suchte darin nur den Math lind den Antrieb zur Arbeit. „Jedermann soll ein leichtes Handwerk lernen", ist eine seiner Lebensregeln. Er war als Spruchweiser bekannt, er war in der Gesellschaft wohlgelitten und machte sich sein Dichten zum Erwerb. „Er verkaufte Sprüche für Denare", berichtet der Talmud. So lautet z. B. eine Regel: Wenn dich der Hunger quälet, etz', Und gib dem Durste dich nicht hin, Dein Leib, ein zerbrechlich Gefäß, Doch siedet und kocht es darin. Hörst in Rom du Hornes Klang, Der ladet zu gutem Verkauf, Bezwinge heißen Geschäftes Drang, Dem Worte des Vaters lausch auf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.