Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 119 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Dichterklänge aus altrabbinischsr Zeit. Hat Esra zu dem Riesenbau des rabbinischen Judeuthums den Grund gelegt, haben Hillel, Jochanan ben Sakkai, Akiba Meir und Jehuda der Fürst seine Mauern anfgeführt, Rab, Sainuel, Abaje, Raba ihm die Befestigung und Bedachung geschaffen, so haben Asche und Rabena ihm vom Grund bis zum Giebel den gleichen Anstrich gegeben, der die einzelnen Bausteine verdeckt, daß das Ganze in ununterscheidbarer Einheit, in der das Alte von dem Neuen nicht gesondert ist, sich uns darstellt. Dieser Ausbau einer festen, vollständigen, über alles nach einem Princip Aufschluß gebenden Lehre beschäftigte alle Geister; alles Denken und Fühlen sollte in ihr seine Quellen und Stützen haben; sie zu verstehen, zu erforschen war daher der Antrieb und das Ziel aller geistigen Thätigkeit. In den 24 Büchern der Heiligen Schrift sind alle Schätze des Wissens und der Erkenntnis; ausgezeichnet, das war der von nationaler Liebe dictirte Glaube, über die der Blick sich nicht erhob. In dem Geiste konnte da die Lust und die Idee zu neuen selbständigen Schöpfungen nicht erwachen, die Bibel ward seine Sphäre und sein Spielraum, in ihre Tiefen versenkte ec sich mit hingebender Gläubigkeit, ohne zu merkeil, daß in ihre Wellen sich seine eigenen Ausströmungen mischten, und daß er den Inhalt derselben nicht aus legte, sondern nur seine eigenen Meinungen und Ideen in sie hineintrug. Die Fülle des Geistes verrann, wenn sie hervorbrach, in dem lockern Boden der Schriftdeutung. Bei solcher Gesinnung und Geistesrichtung wäre es auch zwecknnd erfolglos gewesen, ja eS hätte von unlauterer Gesinnung gezeugt, wenn jemand mit unabhängigen, aus der Speculation erzeugten Gedankenwerken oder mit freien Betrachtungen und Gefühlsergüssen vor die Oeffentlichkeit getreten wäre. Uebrigens war ja dazumal eine so allgemeine und trostlose literarische Ermattung eingetreten, daß solche überhaupt keinen Werth und Anklang finden konnten; in dein Judenthum, dessen damalige Aufgabe so groß war, das dem Geiste ein so weites Feld zur Thätigkeit darbot, herrschte nach iw dieser einen Seite hin ein reges Streben lind Schaffen, in dem Jahrhunderte nicht ermüdeten; aber eben dieses war die Schranke, die jede fremdartige Bestrebung fernhielt; das national-religiöse Interesse stellte das rein menschliche vollends in den Hintergrund. Die unaufhörlichen religiösen Gärungen wie die heftigen politischen Stürme hatten die Judenheit erschüttert und sie gezwungen, in den „vier Fällen der Halacha" ihren Standpunkt zu nehmen. Das Ackerfeld der Gesetzesforschung wurde fleißig bebaut, das Rosenbeet der Dichtung erfreute sich keiner anhaltenden Pflege. Etwgs ültern Ursprungs, wahrscheinlich Bruchstück eines epischen Gedichts über die Bundeslade, find folgende Zeilen, deren Inhalt eine Anrede an die Bundeslade bildet, die die Zugthiere angestimmt haben, als sie dieselbe, nachdem sie lange als Beute bei den Philistern gewesen waren, in die jüdische Stadt Bet-Schemesch zurückführten: Juble, juble, Akazie, holde. Belaube dich und umhülle Frischer Zweige grüne Fülle, Dich umwallt Geweb' von Golde, Dich umwölbt des Tempels Debir Herrlich, manch Prachtgewand ist deine Zier. Als mit der Zerstörung des jerusalemischen Tempels der Opfercultus erlosch und das synagogale Gebet, dem Rabbi Jochanan ben Sakkai'S Schule eine besondere Aufmerksamkeit zuwendete, in Flor kam, eröffnete sich der Poesie ein neues Feld; aber da man eine bestimmte Gebetsfassung zur allgemeinen Geltung erhob, so wurde auch dieses nur kärglich gepflegt. Etwa im Z. Jahrhundert begann man religiöse Lieder zu dichten, die man wie die jünaern Psalmen dadurch, daß die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse in alphabetischer Reihenfolge erscheinen sollten (Alphabetosticha), als gebundene Rede bezeichnen kann. Ter Midrasch läßt das Wesen des Dichters (poötninr) darin bestehen, daß er Alphabetosticha inacht, und als ein solcher ward Eleasar ben Sanon bezeichnet. Ihm rühmte man, berichtet der Midrasch, nach seinem Tode nach, er wäre Schriftgelehrter und Gesetzesforscher,