Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 118 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Jllustr. Monatsh. für die ges. dargebracht werden müsse, nicht am Sabbath unterbleiben.— Während nun diese Decisionen uns zumeist das Verfahren im allgemeinen bezeichnen sollten, durch welches Hillel zu seinen Entscheidungen gelangte: so eröffnen uns andere Streitfragen, in welche derselbe kühn und mit neuen Anschauungen eintritt, eine weite Fernsicht auf die auseinandergehendcn Richtungen, welche die Zeit beherrschen und wesentlich die Lehrmeinungen der Sekten bewegen. Da tritt Hillel wie der Reformator auf dem religiösen Gebiet auf, und mit den Ideen einer neuen vorgeschrittenen Zeit erfüllt, erklärt er nach dem Geiste des Gesetzes ungültig, was die frühere Zeit nach dem Buchstaben der Lehre heilig gesprochen hat, hebt das Privilegium eines bevorzugten Standes zu Gunsten des großen Gemeinwesens auf und stempelt die Wissenschaft, die Erkenntniß P, zur höchsten Instanz in heiligen Dingen. In dem Gesetz, so lehrt Hillel, heißt es: der Priester, sobald er den Aussatz für geheilt am Menschen erkennt, erkläre ihn für rein. Nun könnte inan meine», wenn der Priester selbst das Unreine für rein erklärt, so gelte der Mensch dafür, denn es hänge nur von dem Willen des Priesters ab; deshalb heißt es: er ist rein und der Priester erkläre ihn für rein (also nur dann, wenn der Mensch wirklich nach dem Gesetz rein ist, hat der Ausspruch des Priesters Bedeutung). — Vergleichen wir diese freie Entscheidung mit jener Gebundenheit, welche nach der Auffassung der „großen Synagoge" den priesterlichen Ausspruch in einem ähnliche» Fall als unantastbar charakterisirte: dann können wir keinen Augenblick daran zweifeln, daß die Gcsctzesdeutung auf diesem Wege sich immer freier gestalten und das religiöse Leben immer mehr von seiner Steifheit verlieren mußte, insofern sie das nothwendige Product einer priesterlichen Bevormundung war. Und war denn diese Bevormundung durch einen privilegirten Stand nicht in seinem tiefsten Erfassen gerade der Kernpunkt, der in Interessen des Judenthums. den Differenzen der Sadducäer, der Boethusen und Pharisäer, besonders unter Jannai Alexander zwischen der Königspartei und dem Volk sich mit Leben und Triebkraft umgab, daß er gestaltend sich forterzeugte und über die Bildung des Christenthums hinaus, das aus diesem Kampfe geboren wurde, seinen Entwickelungsproceß noch immer mit frischer Kraft und üppiger Fülle sortsetzt! In dem Gesetz heißt es einmal: „Sechs Tage sollst du ungesäuerte Brote essen", und ein anderes mal: „sieben Tage sollt ihr ungesäuerte Brote essen". Wie verträgt sich dies? Darauf entschied Hillel: „Sechs Tage nur von der neuen Frucht (die erst von dem zweiten Tage des Passahfestes an genossen werden darf), und sieben Tage (nämlich mit Einschluß des ersten) von der alten Frucht." Da erkennen wir wieder den Streiter im Lager der Pharisäer, der die orthodoxen Boethusen scharfsinnig widerlegte, welche das Opfer der neuen Frucht nicht am zweite» Tage des Passah, sondern am Sonntage im Passah dargebracht wissen wollen, um auf diese Weise sieben Wochen darauf, also wieder am Sonutage das Wocheufest zu begehen, was in letzter Consequenz dahinführen würde, den nichtpriesterlichen Gelehrten die Kalenderbestimmung zu entziehen. (Fortsetzung folgt.) Mische DichterllRiM ims der nltrMlckchen Zeit. In den Zeitraum zwischen dem Abschluß des biblischen Kanons und der Vollendung des babylonischen Talmuds fällt die Entwickelung, Ausbildung lind Feststellung der jüdischen Lehre. War diese früher flüssig, schwankend, unbegrenzt und unbestimmt, so sammeln sich hier die zerstreuten Elemente, fügen sich aneinander, die Saaten reifen, der jugendlichen Begeisterung folgt männliche Nüchternheit und Festigkeit, das Judenthum nimmt einen unveränderlichen Charakter an, und daher liegt in dieser Zeit der Mittel- und Schwerpunkt der jüdischen Geschichte. H Grätz, „Geschichte der Juden", lll, 210.