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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-11-01 · Heft 2 (November 1865) · p. Seite 117

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 2 (November 1865)
Date
1865-11-01
Page
Seite 117 (sequence 37)
Language
German
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Der Talmud. 117 eine mehr als schwankende Stütze zu geben, die den nahenden Sturz mit Sicherheit erwartet. Soll ich bei dieser Gelegenheit der innern Gärung nicht gedenken, die mit der Stellung der Samaritaner schon im Exil ihren Anfang nimmt und in den schweren Gewitterwolken, die sich im Streit der Sadducäer und Pharisäer verheerend entladen, den lange genug zersetzenden Stoff aussprüht und den haltlosen Staat dem feindlichen Eroberer als wehrlose Beute zuführt? Allein das Studium des Gesetzes, die Wissenschaft, wurde von jenem Auflösungsproceß des Staats nicht ergriffen, und wiewohl der Kampf der Sekten vorzugsweise in den Differenzen der religiösen Lehrmeinungen wurzelte, so trug die Wissenschaft doch nur insofern die Färbung der bewegenden Zeitkräfte, als sie aus ihnen die jedesmaligen Antriebe zum Fortschritt, zum geistigen Durchbruch der Stoffe entlehnte, welche im Dunstkreise des Herkommens und der Uebung sich zu einem heiligen Lebensrecht verdichtet hatten. In jeder andern Hinsicht bewegt sich die Wissenschaft des jüdischen Gesetzes in der lichten Sphäre des Geistes, der selbstbewußt das Rechte und Wahre übt, ohne daß es durch die Zerstörung jemals erschüttert wird, und dahin gehört vor allem die Lehre von der Menschenliebe; oder sie macht die Durchbildung des Geistes, die Durchsichtigkeit der Erkenntlich, die Freudigkeit und Seligkeit der wissenschaftlichen Forschung zum Selbstzweck und leitet auf weitverschlungenen Bahnen der Discussion den Geist bis an die äußerste Grenze der Untersuchung, selbst wo die Zeitverhältnisse der Forschung jeden praktischen Boden, jede reale Unterlage entrückt haben, wie besonders auf dem Gebiet der peinlichen Gerichtsbarkeit. Versuchen wir nun einen Augenblick die Methode der jüdischen Wissenschaft, wie sie seit der großen Synagoge geläufig wurde, unter bestimmte Gesichtspunkte Zu bringen, so ist sie zunächst auf logische Functionen gegründet, mittels welcher aus Bestimmringen, die aus dem geschriebenen Gesetz hergeleitet sind, wiederum andere und so fort gefolgert werden. Ferner tragen die normirten Gesetze in gewissem Sinne die Färbung ihrer Zeit, und endlich bewegt sich die wissenschaftliche Forschung mitunter, ohne die Wirklichkeit zu ihrer Unterlage zu haben. Diese drei Momente durchdringen sich fast in der Vortragsweise des Babyloniers Hillel, des berühmten Collegen von Sammai, der ein halbes Jahrhundert vor der gewöhnlichen Zeitrechnung lehrte, und dessen Bedeutung vor' allem darin lag, daß er der Schöpfer einer neuen Schule wurde, das volksthümliche Element , die liberale Anschauung in der Lehre zur Geltung brachte. Hillel bediente sich bei seiner Gesetzauslegung vorzüglich folgender Kategorien, wenn ich so sagen darf: der Gleichstellung, des Schlusses vom Geringem auß das Wichtigere und des gleichen Gebrauchs der Schriftworte. Zum Beispiel: Das Passahfest fiel einmal auf den Sabbath, und man war zweifelhaft, ob das Passahopfer am Sabbath dargebracht werden dürfe. Da hob Hillel an zu deuten durch Gleichstellung, wie folgt: Das tägliche Opfer ist ein Opfer für die Gesammtheit, und auch das Passahopfer ist ein solches, das ja für alle gilt; wenn nun bei dem täglichen Opfer das Sabbathverbot (nach dein Gesetz) zurückstehen muß, sodann auch beim Passah.— Ferner durch Schluß vom Geringem auf das Wichtigere: Die Unterlassung des täglichen Opfers zieht keine Vernichtungsstrafe nach sich, ilnd dennoch wird es am Sabbath nicht unterlassen, um wie vielmehr muß das Passah, dessen Unterlassung nach dem Gesetz mit Vemichtungsstrafe bedroht ist, auch am Sabbath dargebracht werden.— Endlich durch gleichen Gebrauch des Schriftworts : Vom täglichen Opfer heißt es: es werde dargebracht zu seiner Zeit, und damit ist ausgedrückt, daß es auch am Sabbath nicht unterbleibt; so darf denn auch das Passah, von dem es gleichfalls heißt, daß es zu seiner Zeit *) Peßachim, 66, u; ebend., Jerusch., IV, 1. Zu dieser und den felgenden Proben von Hillel vergl. Geiger, „Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben", II, 42—53.

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