Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 116 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. merke denn: wenn der Besitzer des Hauses auch ein Gesetzeskundiger ist, sodaß er mit Bestimmtheit sich bewußt ist, ein wirklicher Aussatz hat das Haus ergriffen, so darf er dennoch nicht das Urtheil fällen und sagen: ein Aussatz, sondern wie ein Aussatz ist es, das in meinem Hause zu Tage tritt. Weiter heißt es im Gesetz: „darauf befiehlt der Priester, daß man das Haus ausräume." Da meint Rabbi Judah, daß auch die Geräthe von Holz und Rohr darunter begriffen sind. Das nimmt mich Wunder, wirft Rabbi Simon ein, und ich schließe mich der Ansicht des Rabbi Meir an, daß diese Dinge nicht der Verunreinigung unterliegen. Diese mag freilich dem Geräth von Holz, den Kleidern und Metallen sich mittheilen; allein man kann sie durch Wasser abspülen, und sie sind dann wieder rein. Das Gesetz will Schonung üben, und diese erstreckt sich zunächst auf irdenes Geschirr, auf Glasgegenstände und Kochapparate. So hat das Gesetz den Besitz des Sünders im Auge, um wie vielmehr des Frommen, und um wie vielmehr endlich ist dabei das Wohl der Familie zu berücksichtigen. Dann ordnet der Priester den Verschluß des kranken Hauses an; aber nicht von seinem eigenen Hause aus, auch nicht innerhalb des kranken Hauses, sondern er nimmt Platz auf der Schwelle desselben und vollzieht die Schließung; denn das Gesetz lautet: „Es trete der Priester aus dem Hause auf die Schwelle des Hauses und verschließe das Haus sieben Tage" u. s. w. Sei es nun, daß im Lauf der Zeit die Lehrweise sich von den Fesseln gelöst hatte, welche die Männer der großen Synagoge gezogen hatten, sei es, daß Sitte und Lebenseinrichtung stillschweigend den religiösen und staatlichen Anordnungen jener gelehrten Spitzen Leben und Geltung verschafft hatten; genug, die Bewegung des Vortrags wurde seit dem Ende der großen Synagoge eine freiere, und die goldene Kette der Abhängigkeit, welche Alexander der Große mit so vieler Zuvorkommenheit um Judäa legte, lockert, wie es scheint, den festen Zusammenhang, der mit urwüchsigen Trieben überall das Gesetz mit den abgeleiteten Normen und Lebenssatznngen verband. Die philosophischen Erkenntnißformeln der Griechen, die Schlüsse und Folgerungen des Aristoteles wirken gestaltend auf die Wissenschaft der jüdischen Religion ein, die mit der Eigenart ihres Wesens jeden edeln Keim, wo er auch ursprünglich lag, in sich aufnahm und auf ihren Wegen undauf ihre Weise zu reicher Befruchtung des allgemeinen Menschengeistes entwickelte. Diesen Charakter hat die Lehrmethode der folgenden Zeit, die, wie die Blume aus dem Kelch, sich aus dem geschlossenen Deutungsverfahren der vorangegangenen Geschlechter entwickelt und gleichsam dem gewundenen Gedankengang, der sich vorher stillschweigend durch das Leben vollzog, nunmehr durch den Stempel des Uebereinkommens und der Zustimmung die gesetzliche Gültigkeit und die religiöse Geltung verlieh. Wir überblicken von diesem Gesichtspunkt aus den weiten Weg der jüdischen Geschichte von drei Jahrhunderten bis zu derselben Stelle, wo er durch die Trümmer des zweiten Tempels scheinbar unterbrochen wird. Ich sage „scheinbar"; denn in Wahrheit hat die wissenschaftliche Arbeit Israels, und von dieser sprechen wir hier ausschließlich, niemals eine Unterbrechung oder einen Stillstand erfahren. Ja, sie nimmt seit der Zerstörung des Tempels erst recht jenen erhabenen Flug, zu welchem der Geist sich jedesmal ermannt, so oft er sich aus dem störenden Gewühl staatlicher Verkümmerung und Auflösung in sich selbst zurückzieht und, den irdischen Staub des Vergänglichen von sich werfend, der Natur des Ewigen allein folgt. Das politische Leben aber war in Israel bereits erstorben, als das Volk an den Bächen Babylons den Saiten der Leier seinen Schmerz anvertraute, und weder der Tempel, der zum zweiten mal in seiner Herrlichkeit prangte, noch der wunderbare Kampf, den die Makkabäer leiteten, noch die lange Kvnigsreihe, welche seitdem aus dem siegreichen Geschlecht auf dem Throne Israels saß, vermögen dem staatlichen Bewußtsein