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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-11-01 · Heft 2 (November 1865) · p. Seite 115

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 2 (November 1865)
Date
1865-11-01
Page
Seite 115 (sequence 35)
Language
German
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Der Talmud. 115 Sein ist er an den Dialog gewiesen, und die tiefen Lehren, die er oft in langen Abhandlungen vor uns entwickelt, werden in Trilogien, Tetralogien und Pentalogien mit wahrhaft dramatischer Lebendigkeit durch die schärfsten Discussionen geleitet, bevor sie zu Normen erhoben werden, zu endgültigen Gesetzen, oder bevor sie als die geeignete, jede Widerlegung ausschließende Begründung eines an sich unzweifelhaften Gesetzes gelten. Allein diese Form entbehrt der sinnlichen Schönheit, des ästhetischen Wohlklangs, und wir haben den Eindruck, als hätte der Geist die Form gesprengt, der Inhalt die Hülle durchrissen, und als vermöchte kein sichtbares Land die flutende Bewegung und das quellende Leben drinnen zusammenzuhalten und zu befestigen. Der Geist, der den ganzen Talmud durchweht, ist derselbe mächtige, die Höhen des Denkens bewegende und die Tiefen des Gemüths mit religiöser Weihe durchströmende. Die Gedankenkette, welche sich durch das Gebiet irgendwelcher Diskussion hindurchzieht, ist bewältigend, und unwiderstehlich beugen wir uns vor der wunderbaren Macht des religiösen Sinnes und vor der Schürfe des Geistes, der den scheinbar geringfügigsten Dingen die weite Perspective einer zutreffenden Bedeutung eröffnet. Doch niemand ist im Stande, dasjenige, ivas so wunderbar im Talmud ineinandergreift und unter sich sowol wie im Zusammenhang mit den fernliegenden Lehrstoffen gleichsam ein organisches Ganzes, eine abgerundete Einheit bildet, durch eine sinnliche Darstellung, durch eine wortgetreue Übersetzung widerzugeben und zu erschöpfen. Im Talmud waltet ein ureigener Geist des Judenthums, der mit einer andern als seiner ursprünglichen Form nicht aufzufangen ist; ja sein gesundes Leben scheint buchstäblich selbst seiner eigenen Hülle zn trotzen, denn nimmermehr versteht den Talmud, wer nur das darin liest, was er vor sich geschrieben sieht. Wenn irgendwo der Ausspruch einen Sinn hat, daß man den Geist eines Werkes verstehen muß, so wird das zur höchsten Wahrheit bei dem Talmud, dessen geschriebene Folianten nur Notizen zu vergleichen sind, die erst unter der Hand des Meisters, des Lehrers, dem Lernenden ein Verständniß des Gegenstandes ermöglichen. Lim den es sich handelt, und die großen Anregungen, welche der Geist dadurch empfängt, zu klarer und über auseinanderliegende Stoffe sich verbreitender Erkenntniß erweitern und entwickeln. Damit sind wir in den eigentlichen Gestaltungsproceß des Talmud eingeführt, in das innerste Treiben seiner ursprünglichen Kraft, durch welche sich der früheste Keim zum reichbelaubten und hoch emporragenden Baum erschloß, in die Natur, die ihm angeboren, zur Mitgift auf seinen Weg ist gegeben worden, und deren er sich nicht zu entäußern vermag. Talmud ist das freie Wort einer öffentlichen religiösen Belehrung, die freie Deutung des göttlichen Worts in der Schule, wie in der Synagoge, und seine Anfänge*) liegen dort, wo die „Männer der großen Synagoge" den Geist der Gesetzeslehre über die Grenze des Staatskörpers hinausleiteten, ihre Wahrheiten dem allgemeinen, öffentlichen Bewußtsein zugänglich machten und in der veränderten Beleuchtung, welche die zeitlichen Verhältnisse boten, das Gesetz lehrten und verklärten. Die Auslegung des Gesetzes bewegte sich jedoch zu jener Zeit noch fast um seine eigene Achse, indem sich die Deutung im engsten Umkreise an das Wort des Gesetzes anschloß und seine Ausstrahlringen nicht weiter leitete, als der Charakter des Worts ohne alle Dehnbarkeit es zuließ; und dürfen wir den Stellen trauen, die uns aufbewahrt sind, so war die Methode des Vortrags etwa folgende**): „Wir kommen zu dem Gesetz von dem Hause, in welchem der Aussatz sich zeigt. Wie wird das Haus untersucht? Das Gesetz sagt darüber: „Der Eigenthümer des Hauses komme und sage dem Priester, wie folgt: wie ein Aussatz erscheint mir im Hause." So Sukkah, 20, s; eiend., 44, n. **) Mischna Negaim, XII, 5 fg. 8*

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