Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 114 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. Sinne zu nennen, und ebenso wenig läßt sich diese Bezeichnung all den Erkenntnissen beilegen, die nothwendig aus jenem Gottglauben strömen. Sehen wir ferner von diesem innern Widerspruch ab, der zwischen Talmud und Scholastik nothwendig besteht, so ist interessant, durch den Zeitpunkt, welcher beide Wissenschaften fest mit Absicht auseinanderhält, zu demselben Schluß geführt zu werden. Es lag im natürlichen Gange der Philosophie, die sich so gern in den Dienst einer positiven Religion stellt, daß sie unter dein Eindruck der Zeitverhältnisse die Lehre des Christenthums in die Scholastik zuspitzte; allein wir nehmen Notiz davon, daß dies genau in der Mitte des 11. Jahrhunderts geschah und demnach die Wiege der Scholastik genau zu der Zeit uns vor Augen tritt, als die talmudischen Lehrstätten ihr Ende erreichten. Fragen Sie mich jedoch, welchen Charakter zunächst im allgemeinen der Talmud hat, der sich aus einem reichen Gefüge von Beweisen und Gegenbeweisen für bestimmte Gesetze (Halachoth)*) aufbaut und mit geistvollen Belegen, die ganz andern Sphären entlehnt werden,- die fraglichen Punkte arabeskenartig umgibt, bald durch geschichtliche Berichte (Agadoth) das Colorit des religiösen Lehrstoffs Heller oder trüber färbt und mit erschütternder Weihe durchsättigt, bald durch anmuthige Episoden uud reizende Combinationen (Midrasch) den schweren und ernsten Gang des Geistes wie mit erfrischender Stärkung anregt und erheitert; dann antworte ich Ihnen: Dieser Charakter des Talmud ist fast ein antik-classischer, der gerade zu der Zeit in die sichtbare Erscheinung trat, als Sokrates, der Vater dev' griechischen Philosophie, das Volk von Athen lehrte, und wiederum zu derselben Zeit in der schriftlichen Abfassung sich krystallisirte, als mit dem Neuplatonismus die elastische Philosophie sich in ihre letzten *) Zunz, „Gottesdienstliche Vorträge", S. 43 Note o; Philippson, „Die Entwickelung der religiösen Idee", VI, 92; Grätz, „Geschichte der Juden", IV, Note 2 I>. Ueber „Agadah" vergl. besonders I)r. Jellinek, „Der Talmud". Zwei Reden. (Wien, 1865.) Atonre auflöste. Fast anderthalb Jahrtausende sind seitdem verflossen; die Antike in der Wissenschaft wie in der Kunst ist neubelebt ihrem Grabe entstiegen und hat sich mit dem Geiste der Zeit beseelt, mit welchem sie in erhabener Wechselwirkung die edeln Bestrebungen der Gegenwart trägt und fördert. Aber auch der Talmud seinerseits setzte wie mit unsterblicher Kraft seinen Weg durch die Jahrhunderte fort, und jeder Blitz fast, der an dem Wolkenhimmel Israels zuckte, entsandte ihm ein neues Licht, das seine Bahn erhellt und sie immer breiter und sicherer gestaltet. Und doch wage ich zu behaupten, daß der unvergängliche Werth, welchen die Antike für uns hat, zumeist in der Form liegt, die wie ein Ideal der Schönheit dem geistigen Inhalt unsere ewige Liebe sichert; denn das Gefühl einer sinnlichen Befriedigung ist es zunächst, das wir aus den Kunstgebilden des Alterthums gewinnen, ein ästhetisches Wohlgefallen, das vergeistigt wird durch das Gefühl der Vollkommenheit in dem Angeschauten, welche jenseit des menschlichen Erreichet liegt. Die redenden Denkmäler, der Wissenschaft ferner, die Literatur, bezeugen eine längst untergegangene Welt) deren Anschauungen nicht die nnsern sind, und hinter deren geistigem Inhalt, -man sei nur gerecht, unsere Zeit nicht zurücksteht. Aber wir versenken uns mit steigender, nimmer gesättigter Sehnsucht in die Wissenschaft des heidnischen Alterthums, wir lauschen ihrer Kunde wie dem geheiligten Orakel der Weisheit, weil die Schönheit, mit welcher jene Wissenschaft zu uns redet, die Harmonie, in welche sie ihre Lehren webt, den sinnlichen Wohllaut unserer Empfindung wecken und ihn, einmal angeregt, durch die ganze Welt unsers Denkens gestaltend fortführen. Während so überall die Form das Anziehende und Fesselnde ist, dem der Geist des heidnischen Alterthums seine Unsterblichkeit verdankt: verhält es sich mit dem Talmud, der Antike des Judenthums, wenn ich so sagen darf, gerade umgekehrt. Seine Form, seine äußere Erscheinung ist der griechischen verwandt, durch sein ganzes