Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 103 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden u. Judenthum nach d. Auffassung d. Schriftsteller d. Alterthums. 103 feldern um kleinlicher, niedriger Zwecke der Machthaber willen zu verspritzen? Heißt Geschichte, wie Hobbes sagt, ein Krieg aller gegen alle? Oder heißt Geschichte das Herallringen der Völker aneinander, das gemeinsame Streben zu dem einen hohen Ziel der ganzen Menschheit, zur Einheit und Freiheit? Und in diesem Sinne ist das jüdische Volk das einzige geschichtliche des Alterthums zu nennen. Von dem Beginn seiner Laufbahn hat es sich bemüht, nicht mit Heeresmacht und »licht mit Kraft, sondern mit dem Gottesgeiste, der stets in ihm lebendig war, die Menschheit zu erziehen; es hat seine Bahn noch nicht ganz zurückgelegt, den Lauf seines Lebens noch nicht beendet. Nur wenn das Herz des Menschen von tödtlichem Pfeil getroffen wird, wenn es aufhört zu schlagen, wird der Mensch aus der Reihe der lebenden Wesen gestrichen; nur wenn der Herzpunkt eines Volks angegriffen und vernichtet wird, hört es auf ein Volk zu sein. Der Herzpunkt des jüdischen Volks ist sein Glaube. Und solange dieser in seiner Reinheit besteht, so lange lebt in Wahrheit das jüdische Volk, das Judenthum, so lange hat es seine Aufgabe noch weiter zu erfüllen, der Träger und Verbreiter zu sein der Einheit Gottes, der Verbrüderung der Menschheit. Ob es diese seine hohe Aufgabe erfüllen wird, bleibe der Zukunft anheimgestellt; von der festen Hoffnung aber, daß es einst geschehen werde, wollen wir nicht lassen. Die Völker des Alterthums theilen diese Ansicht nicht. Denn was sind nach ihnen die Juden? Ein Volk, ganz so wie viele andere, wol auch, wie sie zugestehen, ausgerüstet mit manchen Tugenden, mit manchen es allszeichnenden Vorzügen, aber doch wieder andererseits behaftet mit vielen Schwächen, mit vielen Schattenseiten, die das Licht zurückdrängen und verdunkeln. Ein Volk ist es, so sprecheil sie es aus, das merkwürdigerweise ohne Bilder nur im Geiste einen Gott verehrt, aber das trotz dieses Glaubens, den sie mit aller Liebe umfassen und als ihr heiliges Gut betrachten, auf das sie stolz sein zu dürfen glauben, dennoch keine Macht sich hat erhalten können, dennoch die hohe Stellung, die es einst eingenommen, nach kurzem Glanz hat aufgeben müssen. Und warum dies? Man sollte doch glauben, ihr Gott, dem sie sich so fest und treu angeschlossen haben, müßte auch im Stande sein, ihnen Sieg und Hülfe zu bringen? Nun, ganz einfach! Um unfern Göttern widerstehen zu können, ruft Minucius Felix aus, und seine Meinung ist darin wol die herrschende des ganzen Zeitalters, hat ihr Gott keine Macht. Als unsere Waffen das Volk bekämpften, als unsere Heere sich den Thoren ihrer heiligen Stadt näherten, da war ihre Kraft gebrochen, ihr Widerstand vergeblich, aber auch ihr Gott konnte ihnen nicht beistehen, er mußte sich ergeben mit seinem Volk. Und an einer andern Stelle fragt derselbe Schriftsteller: Warum hat ihnen denn ihr Glaube, ihr Gott nichts genützt? Sie waren doch einst ein mächtiges Reich, ein begütertes Volk, da sprachen sie, Gott habe ihnen dies alles gethan; warum half er nicht weiter? Aber, so lautet seine Antwort, durch ihre eigene Trägheit haben sie alles Unglück, das später über ihr Haupt hereinbrach, selbst verschuldet. Doch immerhin, scheuen wir uns nicht vor diesem trägen Volk! Es ist ja doch init seiner Trägheit durch die Jahrhunderte gezogen; die Männer, die Leuchten des Exils, sie haben sich wahrlich nicht der Trägheit hingegeben, ihr Geist zog nicht in trägein Schneckengang, sondern erhob sich mit kühnem Flug zu den Räthseln des Daseins, nm vom Himmel -herab ihre Lösung zu erfassen. Das jüdische Volk hat freilich in dem 1. und 2. christlichen Jahrhundert nichts Großes aus sich erschaffen, aber wie es in der Natur Zeiten gibt, wo die Schneedecke die Erde umhüllt und alles erstarrt und erfroren scheint rind doch drunten im Schose derselben mächtig die Kräfte gären und neu erzeugen, so gibt es auch Abschnitte im Leben der Völker, wo äußerlich alles todt ist, aber im Innern der ewige unendliche Proceß des Werdens und Schaffens vor sich