Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 99 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Adolf Sonnenthal. 99 wison; hier aber erging es ihm, wie es demjenigen, der zum Arzt eilt, um sich einen Zahn ziehen zu lassen, nicht selten zu ergehen Pflegt. An der Thüre angelangt, hatte er nicht den Muth, dieselbe zu öffnen, und rasch kehrte er wieder in seine Stube zurück. Aber wozu es ihm an persönlichem Muth fehlte, das vertraute er dem Papiere an, und das Schreiben gelangte an seine Adresse. Zwei Tage später stand er vor Dawison und dectamirte ihm den berühmten Monolog: „Menschen, Menschen, Krokodilenbrut" aus Sclsiller's „Räubern". Dawison wünschte nur etwas mehr Feuer. Diesen Wunsch sollte er büßen, denn der junge Declamator legte allmählich die Schüchternheit ab und donnerte ihm den Monolog zum zweiten mal mit einer effectreichen Schlußkanonade ins Ohr, und als er sich zum Schluß in einen Sessel warf, that er. es mit so viel Feuer, daß der Sessel zusammenbrach. Nun ging er bei Dawison in die Schule. Zwei Monate genoß er den Unterricht des großen Mimen, hierauf kam er in die Schule der Frau Bender. Vom Schneiderhandwerk war selbstverständlich nicht mehr die Rede, seinen Lebensunterhalt fristete er durch Lectionen. Schon im Jahre 1851 wurde er von Dawison dem Director des Burgtheaters, Heinrich Laube, als ein talentirter Anfänger vorgestellt. Laube's Rath war, wie dies Anfängern gegenüber in der Regel der Fall ist, sich etwas auf Provinzbühnen herumzutreiben, doch nahm er ihn vorläufig, bis sich ein passendes Engagement finden werde, als Statist an. So war Sonnenthal denn zum zweiten mal Statist; jetzt natürlich unter ganz andern Auspicien, unter andern Aussichten; wußte er doch, daß dies nur ein Durchgangspunkt, ein zu durchlaufendes Stadium für ihn sei, aus dem er sich bald emporarbeiten werde. In der That erhielt er schon nach einigen Wochen durch Dawison's Vermittelung ein Engagement als erster jugendlicher Held und Liebhaber an dem Theater in Temesvar. Jetzt galt es, bei seinen Aeltern den Widerwillen gegen das Theater zu überwinden, und auch hierin stand ihm Dawison hülfreich zur Seite. Dieser treffliche Künstler übernahm es, die Aeltern über die Begabung ihres Sohnes aufzuklären, und solchem Zeugniß vertrauend, willigten diese ein. Am 30. Ort. 1851 trat der junge Schauspieler zum ersten mal in Temesvar als Hauptmann Phöbus im „Glöckner von Notre-Dame" auf. Er war jetzt auf den Platz gestellt, wohin er sich sehnte seit der Knabenzekt; es lag mm an ihm, was weiter aus ihm werden sollte. Daß der schlaue Theaterdirector dessen Anfängerschaft zum Vorwand nahm, um ihm die Monatsgage von 30 Fl. auf 20 Fl. zu reduciren, scheint den nach dem Höhern strebenden Kunstjünger wenig genirt zu haben; er lebte von Himmelskost, er lebte in seiner Kunst. Nach Verlauf eines halben Jahres zog der ganze Trupp nach Hermannstadt, und hier war es, wo des jugendlichen Künstlers eigentliche Carriere erst begann. Zn der allgemeinen Anerkennung, die sein Talent hier gefunden, gesellte sich eine von Saison zu Saison aufwärtssteigende Gagenerhöhung. Hier blieb er bis zum 10. April 1854 und hatte die Ehre, vor dem Kaiser, welcher gelegenheitlich der Rundreise durch Ungarn und Siebenbürgen nach Hermannstadt kam, am 23. Juli 1852 in „Richelieu's erster Waffengang" aufzutreten. Im Frühling 1854 ging er nach Gratz. Auf der Durchreise trat er in seiner Vaterstadt in mehrern Rollen (Don Carlos, Baron Wallbeck im „Gefüngniß" und Ferdinand in „Cabale und Liebe") auf, wo ihn feine Aeltern zum ersten mal auf einem wirklichen Theater spielen sahen. Sein Debüt in Gratz, wo er als Mortimer auftrat, füllt auf den 8. Mai 1854. Er hatte entschiedenen Erfolg und wurde engagirt. Hier wurde er mit Holtet befreundet, der auf ihn als ein väterlicher Rathgeber von heilsamem Einfluß war. Auch hatte er hier schon Gelegenheit, große Tragöden kennen zu lernen, die ab und zu gastirten, so Jra Aldrige, Karl Devrient 7*