Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 98 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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98 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. ben, oder die Bußübungen waren nicht stark genug; denn kurze Zeit darauf finden wir den Jungen auf einem Privatballe im Haufe eines Onkels ganz correct Theater spielen, ja er empfand hier sogar zum ersten mal den Kitzel des Beifalls, keinesfalls ein geeignetes Mittel, ihn von feiner leidenschaftlichen Neigung abzuziehen, wie der bedächtige Vater mit Recht meinte, während die Mutter, die Sache etwas leichter nehmend, nur Zeit hatte, sich über die Begabung des Knaben zu freuen. Der erste Versuch war richtig nicht ohne weitere Folgen gablieben. Im Haufe des Hrn. Ignaz Barnah wurde jetzt ein förmliches Haustheater errichtet, welches der Schauplatz seiner Heldenthaten werden sollte. Um sich von dem Drang, der den Knaben erfüllte, eine richtige Vorstellung zu machen, muß man bedenken, daß alle die geschilderten Vorgänge noch ganz in seine Schulzeit fallen, aus welcher er im September 1846 austrat, um in die neueröffnete Joseph- Industrieschule (4 oWek-Ipai-tano cka) ausgenommen zu werden. Hier trieb er Geschichte und Mathematik mit vielem Eifer, und fast hätte man meinen können, daß diese neue Liebe die frühere Leidenschaft verdrängen werde;! aber ein gewisser abenteuerlich-ritterlicher Sinn machte sich selbst in seiner Handlungsweise geltend, der man es anmerken konnte, daß der junge Student die Dell-Vorstellung, der er an seinem Bar-Mizweh-Tage beigewohnt hatte, noch nicht vergessen habe. Bei dem am 19. April 1846 in Pesth stattgehabten Judenkrawall konnte man den jungen Helden mit einen: blanken Beil in der Hand an der Spitze einer kleinen Schar vor das Thor stürzen sehen, und Heldenstellen aus „Teil" citirend war er entschlossen, der andringenden Bewegung Widerstand zu leisten. Es verflossen weitere zwei Jahre; die Vermögensverhältnisse der bis dahin wohlhabenden Aeltern zeigten eine bedenkliche Zerrüttung, und es mußte über die Zukunft des Jünglings ernstlich entschieden werden. Zu weitern Studien fehlten die Mittel, zum Kaufmannsstande die Neigung und das Geschick; so blieb denn nichts anderes übrig als das Handwerk! Der Student sollte nach dem Beschluß des Familienraths Schneider werden. Mit stiller Ergebung, aber auch mit der unbestimmten Hoffnung auf Erlösung fügte er sich dem Schicksal und trat nach einer wehmüthig verbrachten Nacht schon am nächsten Morgen an der Hand seines Vaters in die Schneiderwerkstätte, den Ort seiner Bestimmung. Der Lehrjunge, welcher Stellen aus Shakspeare und Schiller declamirte, während er an: Bügelbret stand, mag sich unter seiner Umgebung komisch genug ausgenommen haben; allein wenn aus einer Glasschleiferei ein Geist hervorging, der die Welt mit dem theologisch-politischen Tractat und der Ethik beschenkte, warum sollte uns um den armen Schneiderlehrling bange sein? Ist er zu etwas Größerem berufen, so wird es sich auch erfüllen. Vielleicht hatte die Meisterin eine dunkle Ahnung dieses Gedankens, da sie den declamirenden Helden einmal mit den Worten überraschte: „Ich wette daraus, aus dir wird noch ein Schauspieler!" Nach zwei Jahren war seine Lehrzeit vollendet. Er lieferte ein Seiden- Gilet als Gesellenstück, und die Zunft sprach ihn frei. Am 16. Oct. 1850 bestieg er, mit den: Wanderbuch versehen, das Dampfboot, das ihn nach Wien führen sollte, und hier angelangt, suck-te er — Arbeit bei einem ehrsamen Schneidermeister? Nein — aber das Burgtheater, un: der Aufführung von Otto Ludwig's „Erbförster" beizuwohnen. Dieser Abend war der eigentliche Wendepunkt seines Lebens. Die Erscheinung Dawison's rief auf der obersten Galerie, wo der kunstsehnsüchtige Schneidergeselle seinen Platz genommen hatte, ein Flüstern hervor, aus dem die Worte: Ein Jude, ein Jude! vernehmlich sein Ohr erreichten. Ueber die Kämpfe, welche Dawison durchzumachen hatte, ehe er sich so emporgeschwungen, durch die Mittheilung eines Nebensitzenden unterrichtet, faßte er den Entschluß, den Rath dieses Künstlers einzuholen. Schon am nächsten Tage finden wir ihn auf dem Wege zu Da-