Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 94 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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94 O Jllustr. Monatsh. für die ges. allemal vorbei, das sagten sich im stillen die beiden, und sie mußten es einem günstigen Ungefähr überlassen, ob es sie wieder zusammenführen würde. Ein solcher Zufall trat denn auch wirklich ein. Eines Tags war der Schames unpäßlich geworden und konnte seinen Dienst nicht verrichten. Der Schames war selbstverständlich auch der Schulklopfer oder: der „Tempelfetzer", wie ihn ein Spaßvogel nannte. Gumpel mußte statt seiner — in Schul' klopfen. Mit einem gewissen Stolz, zu welch' wichtiger Bedeutung er sich plötzlich emporgehoben sah, schritt Gumpel durch die Gasse und applicirte mit einem hölzernen Hammer jeder Hausthür die üblichen drei Schläge. Als er sich dem.Hause nahte, wo sein Genosse Felix wohnte, wurde Gumpel plötzlich feuerrotst und verzögerte seineil Schritt. Felix stand vor der Thür. Eine unerklärbare Scham stieg in dem Knaben auf, als er Felix erblickte. Er wußte nicht, warum, aber er wußte, daß er sich vor Felix lieber verbergen möchte, und es ist sehr ungewiß, ob der junge Synagogendiener-Novize sich nicht entschlossen hätte kehrt zu machen und davonzulaufen, wenn ihm Felix nicht liebreich entgegengekommen wäre. Einen AugenblÄ standen sie sprachlos einander gegenüber. Keiner fand das rechte Wort, die Zunge war beiden wie gelähmt. Endlich brach Felix das Schweigen: So kann es nicht bleiben, wir müssen wieder Zusammenkommen! „Ein schöner Schulklopfer!" ließ sich in demselben Augenblick eine Stimme vernehmen, „anstatt in Schul' zu klopfen, steht man hier mit einem Gassenfung und laßt die Schul'Schul' sein!" Die Stimme, welche die beiden Knaben so plötzlich erschreckt hatte, gehörte keinem andern an als Bär Lederer, der eben zu „Minche" (zum Abendgebet) ging. „Alleweil dieser Bärl Lederer", sagte Gumpel zornig, ließ Felix stehen und eilte, um die Unterbrechung des übernommenen Dienstes wieder gut zu machen. Zu Bärl Lederer aber sagte der Doctor Berger, der eben des Weges daher kam und die Scene von fern Interessen des Judenthums. mit angesehen hatte: „Was habt Ihr da gehabt, Reb Bär?" „Die Galt' steigt mir auf," antwortete dieser, „wenn ich die zwei Jungen beisammen seh', die gar nicht füreinander passen. Gumpel ist ein «Tam» (Einfalt) und Feiwel ist ein «Roscheh» (Bösewicht); er wird von ihm ganz verdorben werden." „Er vor ihm oder er von ihm? wie meint Ihr das?" fragte der Doctor ironisch. „Sie sind auch so einer", sagte Bär Lederer und ließ den Doctor stehen, denn er fürchtete bei einer längen: Auseinandersetzung wenigstens „Aschre" zu versäumen. Der Doctor aber hatte Felix mit Wohlgefallen betrachtet, nicht weil er wußte, daß er und nicht die lange Jittel die Genesung des Knaben bewerkstelligt. Er hat schon mehr als Einen vom Fieber cnrirt und ist darauf nicht stolz gewesen, denn er sagte sich: der Doctor kann gegen d'ie Natur nichts ausrichten, und wenn er zwanzigmal „Ja" sagt, und sie sagt „Nein", so bleibt es bei Nein. Aber darauf war er stolz, daß aus Felix, wie man allgemein erzählte und wie auch für jedermann offenbar war, ein anderer Mensch geworden ist; denn wie die lange Jittel darauf bestand, sie habe den Knaben geheilt, so bildete er sich ein, diese Veränderung sei einzig sein Werk. Jentel Frank, sagte er sich, ist eine gescheite Frau, sie hat verstanden, was ich mit ihr gesprochen habe. Wenn er gewußt hätte, der Herr Doctor, daß ein Bauernbursche durch eine brutale Kraftäußerung das in Wahrheit bewirkt habe, was er sich zuschrieb, so hätte er gewiß die lächerliche Einbildung der langen Jittel minder lächerlich gefunden; denn es ist so im menschlichen Leben, daß jeder von uns behaftet mit Fehlern und Thorheiten in einem bestimmten Kreise herumgeht. Denjenigen, der sich in einem kleinern Kreise bewegt und dem man überlegen ist, übersieht man auch; sich selbst aber übersieht man nicht; doch wird man ebenso gut wieder von einen: noch Höhen: übersehen; wenn die Menschen dies gehörig überlegen wollten, wür-