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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-11-01 · Heft 2 (November 1865) · p. Seite 93

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 2 (November 1865)
Date
1865-11-01
Page
Seite 93 (sequence 13)
Language
German
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Der Schlüssel. 93 bewirkter Zwang. Bei bedeutender» Naturen ist dieser Zwang in der Regel ein selbst auferlegter, und so haben wir auch die vermeintliche Wandlung in Felix' Charakter anzusehen. Der Knabe schien jetzt freilich ein ganz anderer geworden zu sein. Er hatte keine Launen mehr und erlaubte sich nicht die geringste Freiheit, wie er dies früher täglich gethan hatte. Seine früher unbezähmbare Wildheit schien gebändigt, und in seinem ganzen Wesen, in seinem Thun und Lassen drückte sich eine bisher niemals an ihm bemerkte Sanftmüth aus. Die tollen Streiche, in deren Erfindung und Allsführung er früher unerschöpflich war, hatten aufgehört, und was mail nie an ihm bemerkt hatte, das konnte inan jetzt wahrnehmen: er ist fleißig geworden. Früher war er es nicht, er verließ sich auf seineil guten Kopf; ein Buch in die Hand zu nehmen, um etwas zu lesen, das ist ihm niemals in den Sinn gekommen; jetzt'hingegen ging ihm sein Blich über alles, lind er las mit einer Emsigkeit darin und benutzte jeden freien Augenblick so sehr, sich mit demselben zli beschäftigen, als ob jede Verzögerung sündhafte Vernachlässigung wäre, ja, als ob er fürchten müßte, den Tag, an dem er es beendigen würde, nicht zu erlebeil. Was das für ein Buch war, davon hatte freilich außer seinem Lehrer niemand eine Ahnung. Nur der Lehrer wußte darum, was in der Seele dieses Knaben vorging, und er selbst war eS ja, der ihm versprechen mußte, seinem Geiste diese neue ersehnte Nahrung zu geben. Der Lehrer hatte mit ihm das „Neue Testament" zu lesen begonnen; diese Art der Befriedigung seiner Wißbegierde wurde aber dem Knaben bald zu langsam und zu schleichend; er wollte mit vollen Löffeln schöpfen und sollte sich begnügen, tropfenweise zu genießen. Rasch wußte er daher auch seinen Lehrer zu bewegen, daß er ihm unter der Bedingung größter Geheimhaltung das Buch zur selbständigen Lesung überließ, und Felix fand darin einen neuen Quell ungeahnter Wonnen. Neben diesem Buch war es noch ein zweites, mit welchem sich der Knabe täglich beschäftigte. Sobald er dieses zweite Buch in die Hand nahm, war auch seine Gemüthsstimmung eine ganz andere. Nicht ruhig und in sich gekehrt, von aller Welt abgezogen wie bei dem andern Buch, aus welchem er die Geschichte und die Lehren des Heilandes erfuhr, saß er auch bei diesem; nein, er stand bald auf, bald setzte er sich wieder, bald blickte er in das Buch, bald schlug er es zu lind lies in raschen Schritten durch sein Zimmer auf und ab; er schien es seinem Gedächtniß Wort für Wort einzuprügen, denn so hatte es der Lehrer verlangt und so hatte er es versprochen; es war dies die Schulsprachlehre. Mit Gumpel den intimen Verkehr in gewohnter Weise fortzusetzen, davon konnte 'jetzt natürlicherweise nicht die Rede sein; Felix hatte ja gar keine Zeit. Aber nichtsdestoweniger vermißte dieser, sowie er seinen Wissensdurst zu stillen Gelegenheit hatte, doch den Umgang seines früher» Genossen. Gumpel kam nicht mehr ins Cheder. Die Aeltern wollten ihn, wie wir uns erinnern, so rasch als möglich in eine andere und zwar in die von Bär Lederer empfohlene Richtung Hineintreiben. Man hatte bei Gumpel nicht auf Widerstand gerechnet; da man aber doch auf solchen stieß, so war vorerst die nächste Folge, daß die früher» Beziehungen aufhörten, ehe noch neue angeknüpst wurden, die an Stelle derselben Hütten treten sollen, eine Auskunft, womit vorläufig beiden Theilen gedient zu sein schien. Wenigstens wird er im Cheder nicht noch mehr verdorben, trösteten sich seine Äettern; wenigstens brauch' ich nichts mehr zu lernen und Hab' am Donnerstag Nachmittag meinen Rücken frei, tröstete sich Gumpel. Mit Felix freilich wäre er gern zusammengekommen; denn wenn er ihm auch böse war, weil dieser ihn zu dem unerlaubten Gruß verleitet hatte, so war in ihm doch die Macht der Gewohnheit überwiegend, und die Erinnerung an die schöne Vergangenheit dünkte ihm doch wieder herrlicher als die langweilige Gegenwart. Mit deir schönen Tagen auf den Feldern und im Wald war es nun ein für

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