Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 92 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Jllustr. Monatsh. für die gef. dringlich sein. Mir ist es blos darum zu thun, Aufklärung zu haben. Vor allem will ich wissen: Warum Jesus eine neue Religion gestiftet hat?" „Du hast es ja vorhin selbst gesagt", antwortete der Lehrer. „Und Hab' ich damit das Richtige getroffen?" fragte Felix. ' „Das weiß ich nicht", sagte der Lehrer. „Sie wissen es nicht! Glauben Sie, daß der Dechant es weiß?" fragte Felix weiter. „Das weiß ich auch nicht", erwiderte der Lehrer. „Und was wollen Sie mir beantworten, wenn Sie selber nichts wissen." „Ich muß mich darüber selbst erst unterrichten." „Wie werden Sie das anstellen?" „Ich werde das Nelle Testament lesen", sagte der Lehrer, „du siehst, was ich dir zu Gefallen thue." „Was ist das für ein Testament?" fragte Felix. „Das ist ein Buch", lautete die' Belehrung „das bei „Ihnen" so viel gilt wie bei uns die heilige „Thoire." Da drinnen wird vielleicht geschrieben stehen, was du wissen willst." „Und wo werden Sie das Buch hernehmen?" fragte Felix neugierig. „Schloimc Klatschkopf", sagte der Lehrer, „ist einmal auf einer Licitation gewesen, und da hat er nebst mehrern andern alteir Samen auch eine Kiste Bücher für ein Spottgeld gekauft. Die Bücher hat er mir angetragen und ich, obzwar ich sie nicht gebraucht habe, bin doch hingegangen und Hab' sie ihm abgekauft; er war froh ein paar Groschen «Rewech» (Gewinn) darauf zu haben. Wie ich mir die Titelblätter von die Bücher angesehen Hab', von denen ich die meisten gar nicht verstandeil Hab', denn es sind vie( in fremden Sprachen, bin ich endlich auch auf ein Buch gekommen mit dem Titel: »Das Neue Testament.« Ich war neugierig und Hab' einen Blick in das Buch hineingeworfen, und da Hab' ich gesehen, wovon das Buch handelt. Gelesen Hab' ich's aber nicht, sondern ich Hab' es schnell wieder zugemacht, Hab' alle Bücher in die Kiste hineingegeben und Interessen des Judenthums. Hab' die Kiste zugenagelt. Jetzt aber werd' ich sie wieder aufmachen und werd' das Buch herausnehmen." So schloß der Lehrer seine Mittheilung. ZDas ist gut", sagte Felix, „da kann ich gleich mitlesen, und Sie ersparen sich die Mühe, mir hernach erst erzählen zu müssen, was Sie gelesen haben." „Bist du jetzt beruhigt?" fragte der Lehrer, der noch immer voll der ausgestandenen Angst nicht frei war. „Wenn Sie mir das Versprechen geben, daß wir heute noch anfangen." „Ich versprech' es dir; du mußt mir aber auch einiges versprechen." „Lasseil Sie hören", sagte Felix. „Erstens", Hub der Lehrer an, „darf keine Seel' erfahren, was wir heut' miteinander gesprochen habeil, und was wir miteinander lesen werden. Versprichst du mir das?" „Sie können sich darauf verlassen." „Zweiteils Hab' ich noch eine Kleinigkeit. Deine Mutter will haben, du sollst auch Sprachlehre und Rechtschreibung lernen, sie meint, das paßt für die Welt, lind es wird dir ein Leichtes sein. Versprichst du mir das?" fragte der Lehrer. „Was Sie wollen", sagte Felix, „nur schnell, nur heute noch!" Hiermit war die wichtige Unterredung zu Ende. In dem äußern Verhalten des Knaben konnte man jetzt eine merkwürdige Wandlung beobachten. Diejenigen, die hierzu Gelegenheit hatten, meinten, sein Charakter habe sich ganz verändert und sagteil: „Wunder, was so ein bissel Fieber alles im Stand ist!" Aber sie täuschten sich; denn der Charakter eines Menschen, der ist nicht so wie eiil Rock, den sich dieser nach Belieben auslind anziehen kann; der Charakter, das ist der innere Mensch selbst, und den kann man, wie es bei den Menschen oft geschieht, wohl verbergen, aber er verändert sich nicht, sondern er bricht in unbewachten Momenteil immer wieder durch. Was den nur auf die Oberfläche und nicht in das Herz hinein Blickenden eine wirkliche Veränderung scheint, das ist oft nichts anderes als ein äußerer durch Umstände mannichfacher Natur