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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-11-01 · Heft 2 (November 1865) · p. Seite 90

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 2 (November 1865)
Date
1865-11-01
Page
Seite 90 (sequence 10)
Language
German
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so Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. ihn verdient hätte; er ließ den Lehrer ruhig ausreden. Nachdem aber dieser seinen Sermon geendet hatte, sagte Felix: „Herr Lehrer, Sie thun mir Unrecht!" „Wie so?" fragte der Lehrer betroffen. „Wer hat Ihnen denn gesagt," war die Gegenfrage des Knaben, „daß ich nichts lernen will? Hab' ich schon jemals etwas, nicht gelernt, was Sie mir aufgegeben haben? Wenn ich froh bin, daß das Cheder aus ist, so bin ich darum froh, weil ich jetzt mit Ihnen allein bin; ich Hab' vor den andern Kindern nicht fragen wollen." „Ah," sagte der Lehrer, „ist cs das? Nun Felix, laß mich hören, was du für eine herbe »Kasche» (Frage) hast." „Sagen Sie mir, Herr Lehrer", begann"Felix, „warum gibt es zwei Religionen? warum gibt es Juden und Christen? das versteh' ich nicht." „Was ist hier zu verstehen?" verwies ihn der Lehrer in sichtlicher Verlegenheit. „Das ist nun einmal so." „Daß es nun einmal so ist", sagte Felix, „das seh' ich; ich möcht' aber wissen, warum es so ist. Mir kommt vor, es wäre besser, wenn es nicht so wäre. Meinen Sie nicht auch?" „Felix," sagte der Lehrer ausweichend, „über solche Fragen darf man sich nicht den Kopf zerbrechen; es ist Schad' für die Zeit, denn das kann gar kein Mensch herausbringeu. Ich Hab' über solche Sachen in meinem Leben nicht nachgedacht." „So thun Sie es jetzt," sagte Felix. „Ich glaub' nicht, daß für die Zeit Schad' ist. Wenn Sie mir's herausbringen können, so ist mir das lieber als alles, was ich bis jetzt von Ihnen gelernt Hab'." „Man muß sich solche Sachen aus dem Kopf schlagen", sagte der Lehrer wieder beschwichtigend. „Ich kann gar nicht begreifen, wie mir die Leut' Vorkommen", rief Felix jetzt mit gehobener Stimme, da er den Widerstand des Lehrers immer fester werden sah. „Wenn ich »Tossephes- Kasche« oder dem «Schitte-Mekebezes»*) zutreffe, so loben Sie immer meinen guten Kopf. Meine Frage hat aber für mich gar keinen Werth; denn wenn die Sache schon einmal gefragt worden ist, so ist es gleichgültig, ob ich sie noch einmal frage. Komm' ich aber einmal mit einer Sache, die nicht in der «Gemoreh» oder im «Raschi» steht, dann weisen Sie mich ab mit der Antwort: Das darf man nicht fragen! das ist unerlaubt! So eine Antwort aber scheint mir ganz falsch. Denn Gott hat den Menschen so geschaffen, daß er Nachdenken und über das, was er nicht versteht, fragen kann, und ich mein', alles, was ein Mensch fragen kann, muß auch zu fragen erlaubt sein. Wie soll man sich so eine Sache aus dem Kopf schlagen? das geht gar nicht. Ich kann gar nicht aufhören, daran zu denken. Sind diese beiden Religionen gleich gut, oder ist eine von ihnen die bessere?" „Schoite! (Narr) wie kannst du so fragen", fällt der Lehrer ein, „die jüdische ist nicht nur die bessere, sondern die einzig wahre. Wir Juden sind das ariserwählte Volk Gottes." „So?" fuhr Felix fort; „aber sagen Sie mir, ob der hiesige Dechant dieselbe Meinung hat, ob auch er die jüdische Religion für die bessere hält?" „Was fällt dir ein?" lachte der Lehrer, der die Frage für viel zu kindisch nahm, um deren Tragweite zu begreifen, weil er gar nicht ahnte, wo Felix eigentlich hinauswollte. „Sie meinen also", sagte Felix, wieder ganz ruhig geworden, „daß der hiesige Dechant die christliche Religion für besser hält als die jüdische?" „Muß er nicht?" fragte der Lehrer, „ein jeder muß die Religion, in der er geboren ist, für die" — — „Sie kommen mir schon wieder mit «Muß«," unterbrach ihn Felix. „Halten Sie den hiesigen Dechant für dumm oder für einen Menschen, der was versteht?" „Gewiß versteht er was", sagte der Lehrer. „Nun, so möcht' ich wissen, wenn er Commentare zum Talmud.

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