Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 89 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schlüssel. 89 krank geworden und an der Ausführung seines Plans verhindert worden wäre. Jetzt war er wieder im Cheder. «solange die andern Kinderanwesend waren, benahm er sich ganz gleichgültig; er hörte dem Gegenstände, womit man sich eben beschäftigte, scheinbar aufmerksam zu. Innerlich wurde er aber von einer fürchterlichen Ungeduld geplagt; er konnte kaum erwarten, mit dem Lehrer unter vier Augen zu sprechen. Seine Theilnahme war so ganz bei seinen Gedanken, daß ihm die Abwesenheit Gumpel's zur Ueberraschung des Lehrers jsowol als der Mitschüler nicht einmal ausgefallen war. Letztere machten hieraus sogar den Schluß, daß die „Chawrusse" (Kameradschaft) schon zu Ende sei, und jeder von ihnen freute sich im stillen darüber, indem er sich Hoffnung machte, die Stelle Gumpel's bei Felix einnehmen zu können. Das muß man ihnen lassen, sie haben Felir alle zu schätzen gewußt, wenigstens wußten sie, daß ein Schein seiner Glorie auch denjenigen umstrahle, welcher von ihm selbst, wie es bei Gumpel war, mit Auszeichnung behandelt wird. Wenn eine Ministerkrise eintritt, so können die Zeitungsschreiber über die mögliche Ersetzung gar nicht mehr Conjecturen aufstellen, als hier in dem kleinen Kreise Meinungen vorhanden waren über die Besetzung des scheinbar erledigten Gnmpelpostens. Freilich hielt jeder von ihnen im stillen sich für den Auserlesenen, aber keiner hatte die Courage, dies den andern gegenüber zu sagen, und so nannte denn jeder mit schlecht verhehlter Heuchelei alle andern Rainen, nur den seinen nicht. Sie strengten aber ihren Verstand ganz umsonst .an, denn Felir hatte keinen Platz zu vergeben. Er hat es gar nicht bemerkt, daß Gumpel nicht anwesend sei, denn er war innerlich mit ganz andern Dingen beschäftigt. Die Schulzeit war zu Ende, die Kinder gingen nach Hanse. Felix blieb. Endlich war er init dem Lehrer allein. „Ich bin froh, daß es aus ist," sagte Felix. „Dein Fieber?" fragte der Lehrer, „Dafür sagt man: Gott sei Dank! nicht blos: Ich bin froh." „Das Fieber mein' ich ja gar nicht," warf Felix ein, „ich mein' das Cheder." „Hast du denn noch Kopfschmerzen, Felix", fragte der Lehrer ängstlich, „und genirt dich das Lernen noch, so hättest du heute noch können zu Hause bleiben." „Ich bin so gesund wie ein Fisch im Wasser," sagte Felix. „Und dennoch bist du froh, daß das Cheder aus ist?" fragte der Lehrer sich verwundert stellend, „das hält' ich von dir nicht erwartet, Felix! Ich Hab' immer geglaubt, du lernst gern, nicht wie Knechte, die dem Herrn dienen, um einen Lohn zu empfangen, sondern wie Knechte, die dem Herrn dienen, nicht um einen Lohn zu empfangen. Ich habe dich deshalb auch von jeher, wie du weißt, ganz anders behandelt als die anderen Kinder, ich habe dir keinen Wunsch versagt, und alle möglichen Freiheiten gestattet; aber weißt du, Felix, du bist kein Kind mehr, du wirst bald Bar Mizweh werden und könntest in manchen Sachen doch schon weiter sein, als du bist. Ich Hab' geglaubt, nachdem dich Gott wieder hat aufstehen lassen, wirst du mit ganz neuem Eifer in Cheder kommen. Indessen muß ich von dir hören, du bist froh, daß das Cheder zu Ende ist." Dem Lehrer kam die Gelegenheit, sich einmal vom Herzen herunter reden und gar den Auftrag, den er von Jentel Frank erhalten, passend einfädeln zu können, sehr erwünscht. Er hatte schon darüber nachgedacht, wie er es am gescheitesten anstellen möchte, den launenhaften Felix in dieses ernste Gespräch zu ziehen, um ihm die Nothwendigkeit der. Kenntnisse, welche seine Mutter wünschte und die für die Welt sind, nämlich Sprachlehre und Rechtschreibung, begreiflich zu machen. Nun hat Felix diese Gelegenheit selbst herbeigeführt, ja der gute Lehrer ahnte noch gar nicht, wie ernst das Gespräch werden sollte, in das er sich da mit so sichtlichem Wohlbehagen eingelassen hatte. Denn Felix hat den Vorwurf des Lehrers still angehört, als ob er