Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schlüssel. 87 wie einst Diogenes vor seinem Faß. Wenn man aber glauben wollte, Kumpel saß da so mir nichts dir nichts, so würde man sich nicht nur gewaltig täuschen, sondern man würde dem armen Jungen auch bitteres Unrecht thun; denn dieser that etwas, was er bisjetzt in seinem ganzen Leben nicht gethan hatte: er sann über etwas nach, und es schien etwas sehr Wichtiges zu sein, worüber er nicht ins Klare kommen konnte. Auf Felix war er böse, denn dieser hatte ihn zu einer Handlung verleitet, die ihm selbst von vornherein als ein Unrecht erschien, und die er nur gezwungen und im Drang des Augenblicks, wo er nicht mehr ausweichen konnte, begangen hat. Er sagte sich: wenn ich mit Felix aber nicht über die Brucken gegangen ivär, so hätten wir den Geistlichen mit'n Glöckel nicht getroffen und Barl Lederer hätte nicht gesehen, daß wir ihn gegrüßt haben; auf Barl Lederer war er böse, denn er sagte sich: wenn aber Bärl Lederer blind geworden war, oder wenn er wenigstens auf dem Weg die Füß' gebrochen hält', so hält' er erspart zu uns zu kommen, und ich hätt' keine Ohrfeigen gekriegt; auf seine Mutter war er böse, denn er sagte sich: hat sie mich gleich ohrfeigen mühen? sie hat ja gar nicht gewartet, was ich sagen will; vielleicht hätt' ich mich'noch herausgemacht! muß sie denn Barl Lederer mehr glauben als mir? und auf seinen Vater endlich war er böse, denn er sagte sich: und was ist, wenn man den Geistlichen grüßt? wenigstens ist man ein höflicher Mensch und braucht sich nicht auf vierundzwanzig Stunden einsperren zu lassen; ich möcht' wissen, ob Löb Frank den Felix auch darüber hinausgeworfen hat, und der ist doch mehr Schuld daran als ich. So war Gumpel gegen alle Welt erbittert und führte sich die Reihe seiner Uebelthäter, wie wir gesehen, im Kreise herum, um, wenn er ihn von Felix angefangen, bis zn seinem Vater durchlaufen hatte, denselben bei Felix wieder zu beginnen, welcher die eigentliche Quelle seiner Leiden war. Felix seinerseits wußte von der hier gegen ihn geführten Anklage nichts. Ihn beschäftigte eine ganz andere Gedankenreihe. Er lag zwar noch auf dem Bette, aber nicht mehr als Kranker, sondern als Reconvalescent. Die lange Jitel, welche für das Haus Frank im Winter gestopfte Gänse und Holz einkaufte, im Sommer aber ziemlich wenig zu thun hatte, war stolz daraus, daß Felix so schnell gesund geworden. Sie pfuschte nämlich dem Doctor ins Handwerk und ließ es sich nicht nehmen, daß ihre Kunst, nicht aber das vom Doctor verordnte Pulver die rasche Heilung bewirkt habe. Das Jüngel ist beschrieen worden — das war ihre feste Ueberzeugung — er ist unverschrieen ein schöner Mensch und hat ein' großen Ganewkops, ganz wie seine Mutter; und ohne daß Jentel, welche, auf die Versicherung des Arztes vertrauend, mit Ruhe der Genesung des Knaben entgegengesehen, es hätte wehren können, ist Jitel in die Küche gegangen, hat aus einein Stück Fetzen, den sie sich mit Hülfe der Magd von einem Hemde des Knaben zu verschaffen wußte, und etwas Wachs ein Lichtet gedreht, dieses auf dem Herd angezündet und dabei ihr Hokuspokus getrieben. Jentel ließ es geschehen, obwol sie nichts weniger als abergläubisch war, denn sie wollte sich mit der alten Jitel in keinen unnöthigen Discours einlasjen, und wenn ihr Lichtet nichts nutzt, — sagte sie sich, — s» wird es Felix ja auch nicht schaden. Ja sie gönnte derselben sogar den Triumph, den diese in Bezug auf die Herstellung des Knaben für sich in Anspruch nahm; wenn das Kind nur gesund ist — sagte sie sich — meinetwegen kann Jitel glauben, sie hat ihm geholfen, darüber soll sie mit dem Doctor streiten; sie selbst hatte im Augenblick etwas Wichtigers zu thun. Sie ließ sich den Lehrer holen, denn sie wollte ihm für die Folge einige Aufträge geben. „Herr Lehrer!" sagte die Frau, „Felix ist wieder gesund, und wird, so Gott will, bald wieder anfangen in Cheder zu gehen; aber ich Hab' Sie um etwas bitten wollen. Das Kind hat, wie Sie sagen, einen guten Kopf, nicht wahr?"