Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schlüssel. 85 pel so etwas in seinem Leben nicht passiren wird." „Wenn ich nicht wüßt'", sagte Bar Schames, „daß Ihr ein gescheiter Mensch seid, möcht' ich meinen, Ihr seid ein Narr! Was sind das für Reden? und wer soll versteh'», was Ihr sprecht?" „Nehmt Euer» Jung' von dein Bocher weg", sagte Bär Lederer, „lernen thnt er so wie so nichts; eS ist nur Schad' für die schöne Zeit. Der Jung' ist stark genug und kann schon in Dorf gehn; laßt ihn handeln mit Hasenhäutlech oder mit alt Eisen, meintwegen sogar mit Leder, aber nur fort; denn draußen wird er wenigstens nit verdorben. Wenn er sich die ganze Woch' wird geplagt haben, wird er froh sein, am Schabbes hereinzukommen, und Ihr macht einen ehrlichen Jüden und keinen Posche Jisrol aus ihm." „Reb Bär, thut mir den Gefallen und reißt mir nit meine Jahr herunter; ich versteh' nicht, was Ihr von dem Jungen haben wollt; was hat er Euch gethan, daß Ihr so erbost seid gegen ihn. Entweder red't deutlich mit mir und laßt mich deutlich wissen, was Ihr meint, oder sagt mir lieber gar nichts." So standen die zwei erzürnten „Bären" einander trotzig gegenüber — bereit mit ihren Tatzen einander zu zerkratzen. „Nu, ich bin schon stat", sagte Bär Lederer, „ich geh'; Euer Weib kann Euch erzähten, was vorgefallen ist; ich will hoffen, Ihr werdet noch zu mir kommen. Euch bedanken, daß ich Euer Kind gerettet Hab'." Hiermit entfernte sich Bär Lederer. „Ist Gumpel in Wasser gefallen?" fragte Bär Schames sein Weio, „und hat Reb'Bär ihn herausgezogen?" „In Wasser ist er nicht gefallen, aber ärger, wie in Wasser", war ihre Antwort, „und ob mir Gott das zuschickt, was Bär Lederer sagt, wär' mir lieber, der Jung' ertrinket heut als wie morgen." „Lemaneschem!" (um Gottes willen) — rief Bär Schames — „hat sich die Welt in diesen vierundzwanzig Stunden denn auf den Kopf gestellt? Gestern Mittag ist Gumpel noch so gewesen, wie von jeher; ist über Nacht ein »Ruch roe» (böser Geist) in ihn hineingefahren? Wenn man euere, deine und Bär Lederer's Reden anhört, möcht' man grad' meinen, der Jung' hat Schabbes Taback geraucht." „Und wie?" sagt die Schamestin, „wenn er noch was Aergeres gethan hat? Warum hast du dich einsperren lassen?" „Warum? ich kann mich ja dem Drab nicht widersetzen." „Das weiß ich", sagt sie weiter, „aber was war der Grund, daß mau dich eingesperrt hat?" „Das weißt du ebenso gut wie ich", antwortet Bär Schames. „Nun", sagt sie, „ruf' dir dein' Gumpel herein und frag' ihn, ob er sich auch hat einsperren lassen!" „Weh' geschrien," ruft Bär Schames, „jetzt saugt es an hell zu werden in mir; und die Erd hat sich nicht ausgemacht nnd hat ihn verschlungen wie Koirach?" „Nein", sagt die Schamestin, „denn es war auf der Brucken." „Was treibst du Spaß mit Gott?" fragt er erzürnt. „Bär Lederer hat recht, die Sach' muß anders werden. Nicht einmal bis zu der Barmizweh darf mir der Jung' mehr im Cheder bleiben." Hiermit öffnete er die Thüre und rief Gumpel herein. „Geh' hinauf zu Reb Bär Lederer", sagte der Schames, „ich laß ihm sagen, er hat recht und ich laß mich bei ihm bedanken." „Zu Bärl Lederer geh' ich nickt", sagte Gumpel trotzig. Eine Weigerung aus Gumpel's Munde war etwas Unerhörtes, etwas noch nicht Dagewesenes. Das Staunen der Aeltern über diese merkwürdige Kühnheit war fast größer als der Aerger, den sie über dieselbe empfanden. Man kann sich die verdutzten Gesichter von dem Schames und der Schamestin gar nicht vvrstellen, wie Gumpel seiner Weigerung noch die Worte hinzusügt: „für was laßt du dich bei ihm bedanken, daß ich ein paar Ohrfeigen gekriegt Hab'? er hat sie nicht geschenkt, - ich werd' ihm sie schon einmal zurückgeben."