Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. „Soll er das Tellerchen vom Himmel herunter verlangen?" fragte der Arzt. „Unmögliches! genug arg, wenn er weiß, daß er sich alles Mögliche in den Kopf fetzen darf, und daß es ausgeführt werden muß. Ein Kind braucht eine Zucht, es muß eingeschränkt werden, und selbst Dinge, die unschädlich sind, man muß sie ihm manchmal versagen, blos aus dem Grunde, um es an Gehorsam zu gewöhnen. Was soll das für ein Mensch werden, der niemals in der Kindheit beschränkt worden ist, der nicht weiß, was es heißt, sich unterordnen? — wie soll der einmal in der Welt auskommen, wo es an allen Ecken und Enden nichts als Widerstand gibt; denn glauben Sie mir, ich spreche aus Erfahrung. Die Welt ist freilich rund, das wird in der Geographie bewiesen; aber viele Ecken hat sie darum doch, und an diesen kann sich einer leicht den Kopf anstoßen." „Ich habe wieder geglaubt," sagte die Mutter, „eine Pflanze braucht nur zu wachsen, und das thut sie, wie es ihre Natur ist, von selbst. Man mnß sie freilich mit Wasser begießen, damit sie nicht vertrocknet. Dieses Wasser ist für ein Kind die Liebe der Mutter; mehr glaub' ich, ist nicht nothwendig." „Ganz falsch", entgegnete der Doctor, „man muß die Pflanze nicht nur begießen, man muß sie pflegen, beschneiden, alles Unkraut von ihr entfernen. Mit dem Begießen allein ist es nicht genug. Was ist das meinetwegen für eine Manier, daß er mit diesem Gumpel beständig herumgeht, die Zeit vergeudet, anstatt etwas Tüchtiges zu lernen." „Sein Lehrer", sagte die Mutter, „hat sich über ihn noch nie beklagt; immer hör' ich nur, daß Felix ein guter Kopf ist, und daß er mehr versteht wie alle andern." „Das ist ja eben der Fehler", warf der Arzt ein, „daß sich der Lehrer nicht beklagt. Was soll der Lehrer machen? Der Lehrer sieht sehr gut, wie Felix zu Hause behandelt wird, und traut sich nicht ihn anzurühren. Die Erziehung muß vom Haus' ausgehen. nicht von der Schul'. Daß Felix ein guter Kopf ist, das ist richtig; sein Lehrer lobt ihn sehr; aber gerade darum, weil er ein guter Kopf ist, sollte er auch schon ganz anders dasteh'n, als wie er heute dasteht. Er wird, soviel ich weiß, jetzt bald dreizehn Jahre alt sein, und was hat er gelernt? So ein Junge geht in der Stadt schon in die dritte Lateinschule; ich glaub' nicht, daß Felix schon einmal die persönliche Bekanntschaft der deutschen Sprachlehre gemacht hat." „Wenn er nur wieder gesund sein wird!" sagte die Mutter, „für die Sprachlehre Hab' ich keine Sorge; er wird sie schon noch erlernen." „Nein," entgegnete der Doctor, „aus seinem Fieber brauchen Sie sich noch weniger Sorge zu machen. Er wird gesund werden; aber die Krankheit sitzt da, wo ich Ihnen sage; der Knabe braucht eine andere Behandlung." „Ich weiß nicht," versetzte die Mutter, „wie ich ihn anders behandeln sollte." „Das glaub' ich," sagte lächelnd der Arzt, „Sie selbst werden auch nichts mehr thun können, das müssen andere Leute übernehmen. Felix muß in andere Verhältnisse gebracht werden, wenn aus ihm etwas werden soll." „Sie meinen, er soll" — „Fort von hier," ergänzte der Arzt, „studiren soll er und nicht die ganze Woche mit Gumpel auf dem Felde herumlaufen. In dem Alter ist man kein Kind mehr. Und wann soll er denn anfangen, bis man ihm «Schiduchim reden« (Partien antragen) wird?" „Wer hat Ihnen denn gesagt", fragte die Frau, „daß Felix studiren soll?" „Wer?" lachte der Doktor, „das kann ich Ihnen heute nicht mehr sagen; aber ich könnte Ihnen ohne Ausnahme jeden einzelnen aus der Gemeinde nennen, denn das ist eine so ausgemachte Sache, wie: zwei mal zwei ist vier. Jedes Kind weiß das. " „Möchte wissen, woher?" fragte die Frau. „Von wem anders, als von Ihrem Manne selbst!" sagte der Doctor, „ich