Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 73 (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Tagesgeschichte. 73 ein natürliches Gefühl sie unwillkürlich immer enger an die Partei drängen, die sie als volle Bürger im Staat aufgehen lassen wollen. Und doch besitzen sie auch nicht das volle Herz der Liberalen. Wenn diese auch im öffentlichen Leben für rückhaltslose Gleichberechtigung der Juden das Wort führen, im socialen Leben können sie die eingesogenen Vorurtheile nicht überwinden. Den gebildeten, ebenbürtigen, gleichberechtigten Juden kann man nicht verdauen, nnd selbst der Unbedeutendste hält ihn anmaßend, wenn er gegen mittelalterliches Gebaren, sei es auch nur in socialer Beziehung, sich auflehnt. Alle Reflexion, alle freisinnige Anschauung vermag nicht die Macht der Gewohnheit und Erziehung zu brechen, bei erster Veranlassung macht sie sich geltend. Selbst die bessern Elemente, wenn sie aus andern Provinzen kommen, wo mehr oder weniger bereits eine sociale Ausgleichung zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung sich vollzogen, sind selten im Stande, sich über die herrschende öffentliche Meinung gegen Juden zu stellen/und wenn sie vermöge ihrer Bildung und Stellung im Stande sind, dieser sogar die Richtung zu geben, so unterordnen sie sich ihr dennoch, machen sich oft noch sogar zum Träger der gegen Inden herrschenden Stimmung. Sonderbarerweise meidet man, wie bemerkt, besonders den intelligenten, ebenbürtigen Juden, als wolle man dem beschämenden Selbstgeständniß aus dem Wege gehen, daß dem innewohnenden Judenhaß so jede Begründung fehle. Ein nicht unwesentlicher Antheil an dem in neuerer Zeit gesteigerten Judenhaß ist wol vielfach dem Wirken vieler Geistlichen beider Confessionen zuzuschreiben. Evangelische Geistliche haben in Wort und Schrift gegen Juden geeifert und so die Kluft erweitert, anstatt sie auszugleichen. Andererseits haben katholische Geistliche von der Kanzel in neuester Zeit ihre Stimme insofern wiederum gegen Juden vernehmen lassen, daß sie den katholischen Dienstboten das Dienen bei Juden verboten, was wol auch nicht geeignet war, eine Versöhnung der Differenzen herbeizuführen. Trotz alledem zeigen sich bei allen Parteien schon Männer, die, frei von Vorurtheil, den Juden Gerechtigkeit widerfahren lassen; allerdings läßt sich die Zahl noch zählen, aber mit der zunehmenden Cultur wird sich auch in dieser Provinz die sociale Ausgleichung immer mehr anbahnen. In den Juden ist inzwischen das Selbstgefühl und die Selbstachtung erwacht, ein mächtiger Hebel für jeden sittlichen und geistigen Fortschritt und mit großer Ruhe sehen sie in dem sie umgebenden Haß das letzte Aufflackern der für immer verlöschenden Flamme mittelalterlichen Geistes. Der Geist der Zeit kämpft für sie, das Licht bricht sich dennoch Bahn und schon dämmert die Morgenröthe. Mögen aber auch die Juden fortfahren, an ihrer sittlichen und geistigen Entwickelung fortzuarbeiten, und der Sieg kann nicht fern bleiben. Chronik. Zur TWSMhichte. Deutschland. Oesterreich. Auf eine an den ungarischen Statthaltererrath ergangene, die Besitzfähigkeit der Israeliten betreffende Anfrage hat diese Stelle auf den §. 22 der in der Judexcurialconferenz festgestellten provisorischen Gerichtsnorm hingewiesen, welcher, von dem bürgerlichen Civilrecht handelnd, die ausdrückliche Bedingung enthält, daß „die aus der Verschiedenheit der Religion fließenden, während der Herrschaft der österreichischen Gesetze erweiterten Privatrechte in ihrem gegenwärtigen Zustande belassen werden." Königreich Sachsen. In der Stadtverordnetenversammlung zu Leipzig wurde der Antrag gestellt, die confessionellen Beschränkungen des NiederlassMgsrechts aufzuheben. DerMa-