Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 72 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Jllustr. Monatsh. für die ges. mus zum Vorwurf machten. Wie selbst streng gewissenhafte und denkende Menschen für ihre Sympathien und Antipathien stets Gründe finden, weil sie eben geflissentlich danach suchen, so konnten beide Parteien nicht um Ursachen in Verlegenheit sein, die ihre feindliche Stimmung gegen Juden rechtfertigte. Die nicht denkende und nicht gewissenhaft prüfende Masse fand einfach in ihrem unberechtigten Gefühl gegen Juden die einzige Leitung ihrer Handlungen. Es blieb den Juden nichts übrig, als sich geschickt zwischen diesen feindlichen Elementen durchzuwinden, um nicht zerdrückt zu werden. Wenn da ein schlauer Sinn bei den Juden sich ausgebildet, wer wollte ihnen die Schuld beimessen? Als Bildung und Aufklärung die Grenzen erweiterten, die den Juden gesteckt waren, warfen sie sich sofort mit großer Lebhaftigkeit auf andere Erwerbszweige als den Handel, und nicht ohne Erfolg ergaben sie sich dem Handwerk und mehrfach auch dem Ackerbau, und wir können es getrost behaupten, daß ihre geistige Regsamkeit .und die Energie, mit der sie die Sachen erfaßten, ein gut Theil zur fortschrittlichen Entwickelung der Provinz beigetragen. Aber auch jetzt waren die Schwierigkeiten nicht gering, mit denen die Juden zu kämpfen hatten. Der Mangel an Freizügigkeit bannte sie an die Scholle und setzte der freien Entfaltung einen mächtigen Damm. Die Unterscheidung zwischen naturalisirten und nicht naturalisirten Juden hing centnerschwer an ihren Fersen, indem den nicht naturalisirten Juden sehr erhebliche Beschränkungen auferlegt waren. Da nun zur Qualifikation der Naturalisation der Nachweis eines bestimmten Vermögens oder einer gewissen Intelligenz gehörte, so war dies indeh ein Sporn, mit Anspannung aller ihrer Kräfte sich in Besitz aller der Eigenschaften zu setzen, die zur Erlangung des Bürgerrechts berechtigten. In der städtischen Verwaltung, zu der sie nunmehr gelangen konnten, machte sich ihr praktischer Sinn, namentlich in kleinern Orten, wesentlich nützlich. Seit 1848 oder vielmehr seit 1847 sind nun die letzten politischen Schranken gesetzlich gefallen, die die Interessen des Judenthums. Juden von den übrigen Bewohnern trennten. Eine eigenthümliche Erscheinung machte sich jedoch bis in die neueste Zeit hinein geltend. Der Handel mit seinen Auswüchsen ist seit lange keineswegs mehr Monopol der Juden und der Wucher mit seinen Attributen rekrutirt sich längst bereits aus allen Klassen, Ständen und Confessionen. Alle den Juden angedichteten, gehässigen Eigenthümlichkeiten sind eine schon zu lange ausgenutzte, veraltete und verwitterte Schablone für den Judenhaß. Der geistige und sittliche Fortschritt der Juden hat indeß den Widerwillen gegen sie nicht zu bannen vermocht. Während man früher den gebildeten und intelligenten Juden in socialer Beziehung zu sich heranzog und seine Abneigung nur auf die verkommenen, durch den schweren Druck der Verhältnisse oft seiner Menschenwürde sich entäußernden Juden beschränkte, ist sie jetzt Gemeingut; ja es tritt meistens der umgekehrte Fall ein: man sucht oft sogar diese immer mehr vom Schauplatz abtretenden Juden auf, als wolle man einen scheinbaren Grund zum Judenhaß suchen, um die eigene Vernunft zu beschwichtigen. Der Gebildetste kann sich in den seltensten Fällen seiner Vorurtheile gegen Juden anz entledigen, bei erster Gelegenheit rechen sie durch und stets ist man bemüht, in den edelsten Handlungen der Juden nach materiellen Motiven zu suchen. Die Juden huldigen hier fast ausschließlich der liberalen Richtung. Darüber kann sich aber nur der wundern, dessen Blick nicht tiefer die Dinge erfaßt und nur die äußere Erscheinung sieht. Wer jedoch unbefangen auch die Ursachen ergründet, wird sich sagen müssen, daß jeder denkende und fühlende Jude sich ins eigene Fleisch schneiden würde, wenn er sich einer Partei anschlösse, die sein Vaterland nach Palästina verlegen will. Die Feudalen sind demnach immer mehr die knirschenden Feinde der Juden, die ja nach deren Auffassung die ganze liberale Presse beherrschen und die Hauptträger der Opposition bilden sollen. Solange noch den Juden ihre vollen Rechte streitig gemacht werden, wird