Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 71 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in der Provinz Posen. 71 Micke aus der Zeit in die Zeit. Die Men in der MoiW Men. Von L. Ä. Lallmann. Wellige Decermien sind verstrichen, seit eine freie Gesetzgebung die Schranken zu lichten begonnen, welche die Juden in der Provinz Posen besonders ans Tritt und Schritt in ihrer Entwickelung beengten, und schon machen sich die Folgen in erfreulichster Weise geltend. Nirgends wie hier liefert dies so eclatant den Beweis, daß alle den Juden angehefteten Fehler und Schwachen das Resultat der auf sie einwirkenden äußern Verhältnisse bilden. Es ist vielfach und nicht ohne allen Grund den Juden dieser Provinz der Vorwurf gemacht worden, daß sie in sittlicher und intellektueller Beziehung hinter ihren Glaubensgenossen anderer preußischer Provinzeil zurückgeblieben. Aber dasselbe läßt sich mit gleichein Recht auch von den andern Bewohnern dieser Provinz behaupten. Die Reibungen lind Kämpfe, die Eiferslicht, die zwischen den verschiedenen Nationalitäten die Leidenschaften gegenseitig anfachten, sind nicht das Lebenselement, aus dem die Cultur ihre Nahrung schöpft. Was Wunder, wenn die Inden, zwischen zwei feindliche Parteieil eingezwängt, welche nur in dem gemeinsamen Haß gegen den vermeintlichen Eindringling den einzigen Vereinigungspunkt fanden, um ihin die Luft, die er athmete, nicht zu gönnen, geistig und körperlich verkümmern mußten und nur in dem materiellen Besitz die alleinige Entschädigung für so mannichfache Unbill fanden, weil er ihnen ja Schlitz und Ansehen allein gewährte. Auf den engsten Kreis des Erwerbes angewiesen, mußten sie mit aller Energie sich darauf werfen, und wenn sie unter solchen Umständen vielleicht hin und wieder nicht die richtigen Mittel wählten, so könnte man sich das tvol leicht erklären. Und doch waren sie trotz aller Beengung viele Jahrhunderte hindurch und selbst zu den finstersten Zeiten, als eine geistige Nacht mehr oder weniger alle Welt durchdrang, fast die einzigen Träger geistigen Lebens selbst in dieser Provinz? Wenn auch ihr geistiges Streben größtenteils sich auf das Studium ihrer eigenen Wissenschaft und Literatur beschränkte, so gab es doch immer eine Anzahl Juden, die trotz aller Drangsale, mit denen sie zu kämpfen hatten, nicht nur auf der Höhe ihrer Zeit standen, sondern sie hier auch mannichfach überragten. Wir können mit Genugthuung und Befriedigung auf diese Thatfache blicken, weil sie offenes Zeugniß von dem den Juden innewohnenden tiefen sittlichen und geistigen Kern eines innern Gehalts darbieten. Ein natürlicher Zug des Herzens führte die unter dem schweren Druck ihrer socialen und politischen Stellung seufzenden Juden zu der Nation, deren politisches Unglück keinen fühlenden und denkenden Menschen, in dem ein warmes Herz für die eigene Nationalität schlägt, unempfindlich läßt; die Dankbarkeit auch erweckte die Sympathie der Juden für die polnischen Bewohner der Provinz, die ihnen zuerst gastliche Aufnahme gestattet, als die grausamen und unmenschlichen Verfolgungen des Mittelalters sie aus ihrer deutschen Heünat vertrieben. Deutsche Erziehung, deutsche Bildung und Cultur, die sie in sich ausgenommen, verknüpfte sie mit unauflöslichen Banden mit der deutschen Nationalität, der sie init vollem Herzen angehören. Wenn nun die Juden für polnische Anschauung Verständniß an den Tag legten und eine mildere, unbefangenere Auffassung hatten, so sahen die Deutschen ^arin Lauheit oder Mangel gar an patriotischem Gefühl, während die Polen in Verkennung der wirklichen Verhältnisse eine offene Parteinahme beanspruchten und den Juden Mangel an Jdealis-