Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 67 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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Grün und Roth. 67 Der begeisterte Zimpel ist aber nicht umsonst Doctor der Philosophie geworden. Nicht etwa, daß wir hiermit meinen, daß er sein Diplom nicyt umsonst bekommen habe, sondern, er ist sich dessen wohlbewußt, „daß der Mensch nicht allein von geistiger Speise leben kann"; der Arzt in ihm, der vr. meck. erinnert sich bei zeiten, daß der Mensch „auch der Materie bedarf" — was in die Sprache eines Architekten und Eisenbahnbaudirectors übersetzt, ungefähr so viel-sagen will, als: mit leeren Händen baut man keine Eisenbahnen, und da die von ihm projectirte Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem nach seiner eigenen Berechnung ungefähr eine Summe von 7 Millionen Tyaler erfordert, so ruft Herr Zimpel „alle wahren, nicht nominellen Christen, die nach Jes. 66, 10—14 Jerusalem liebhaben und an die ganze Bibel, und mithin auch an eine persönliche Rückkehr des Herrn und Heilands Jesu Christi zur Etablirung seines Millenniums auf Erden glauben, auf, wohl zu bedenken, daß alle irdischen Glücksgüter, mithin ganz besonders auch alle Rsichthümer ein Geschenk dieses Herrn sind, der sich seine unumschränkte Verfügung darüber, wie ihm auch mit vollem Recht zukommt, Vorbehalten hat. Jeder vernünftige Mensch wird doch billigerweise zugestehen, daß in der Welt nichts so vergänglich ist als Geld. Deshalb sucht jeder sich dasselbe möglichst sicherzustellen, wozu von Personen, die ein ruhiges Leben führen wollen, gewöhnlich die vorhandenen Banken erwählt werden. Aber auch diese sind den Zeitumständen, Krieg, allgemeinen Geldkrisen u. dgl. unterworfen, daß zuweilen auch die dort deponirten Kapitalien ganz oder theilweise verloren gehen. Wohlan! Ich weiß eine Bank, die allen Zeitverhältnissen Trotz bietet, solider als irgendeine Bank in der Welt ist und höhere Zinsen zahlt als eine derselben. Wollt ihr wissen, welche Bank dies ist? Es ist die Bank des Herrn in Jerusalem!" Und so geht es in diesem Ton fort, bis der Herr Zimpel endlich dahin gelangt auszurufen: „lind greift dann flugs mit der Hand möglichst tief in euere gefüllten Taschen und holt heraus, was irgend entbehrt werden kann" u. s. w. Also der langen Rede kurzer Sinn ist der: Der Verfasser will Geld haben. Wir wollen in die Gläubigkeit des Verfassers nicht den mindesten Zweifel aufwerfen, obwol uns fein religiöser Standpunkt eigentlich nicht recht klar geworden ist, da er nach seiner Broschüre ebensowol als Jude wie als Christ gelten kann. Doch das ist uns. nicht die Hauptsache. Auch gegen die Anlage einer Bahn und sei dies wo immer, wird man, wenn sonst nicht sehr wichtige Gründe dagegen sind, gewiß nichts einzuwenden haben; ärgerlich ist blos die frömmelnde Methode des Verfassers, die religiösen Gefühle der Juden sowol als der Christen aufzustacheln, um daraus Gold zu schlagen, die Religionen zum Deckmantel ganz prosaischer Geldspeculationen zu machen. Warum bleibt Herr Zimpel nicht bei der Sache, und warum sagt er nicht einfach: Eine Eisenbahn ist hier nothwendig; zu einer Eisenbahn braucht man Geld; seid ihr bereit, Geld herzugeben, so bin ich bereit, den Bau zu leiten, und wir werden beide — namentlich ich — ein gutes Geschäft dabei machen! Was zieht er die heiligsten Gefühle der Menschen in seine Eisenbahn- und Hafenprojecte hinein? Doch wir haben es uns lange abgewöhnt, uns über derartige Gesellen, denen man ja nur zu häufig im Leben begegnet, wirklich zu ärgern. Wir halten ihre Existenz für eine Naturnothwendigkeit und ihr Geschlecht für unsterblich: „Es muß auch solche Käuze geben." Deshalb können wir sie nur noch von der komischen Seite betrachten, nur von dieser haben sie noch einiges Interesse für uns, und von dieser Seite wollen wir unfern Lesern den Herrn Zimpel auch vorgestellt haben. Verlassen wir dies grüne hoffnungsreiche Büchlein, und wenden wir uns zu dem flammenden Buch der Liebe des großen Unbekannten. Der Erfinder der „Verjudung des christlichen Staats" steht schon insofern höher 5*