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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-10-01 · Heft 1 (Oktober 1865) · p. Seite 65

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 1 (Oktober 1865)
Date
1865-10-01
Page
Seite 65 (sequence 70)
Language
German
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Grün und Roth. 65 denn auch jene hohlen, inhaltsleeren Gestalten, die wie Schemen zwischen der lebensvollen Gegenwart und einer inhaltreichen Vergangenheit einherschreiten. Das Leben Frau Lewes' und ihrer Tochter Lydia ist von den Schmarotzerpflanzen des Reichthums und des äußern Lebensgenusses derartig umstrickt, daß ihnen der Maßstab für das rein Menschliche ganz abhanden gekommen. Das Bild der Großmutter, das in den Zügen und der Tracht die Jüdin verräth, wird aus dem Empfangszimmer verwiesen. Paulinen wird an allen diesen Scheinverhältnissen ihr eigenes Wesen immer klarer und das Ideal reinen Menschenthums, wie es sich ihr in ihrer Jugend an ihrer armen, pflichtgetreuen, hingebenden Mutter offenbarte, wird das Ideal, dem sie mit Bewußtsein zustrebt. Es gelingt ihr auch, die Frauen dieses reichen Hauses einem bessern Geiste und einer reinern Lebensauffassung zuzuführen, nachdem einige Erlebnisse mit adelichen Herren ihr dabei — freilich unabsichtlich — zu Hülfe kamen. Sie heilt Lydia von erlogenen Liebesscherzen und versöhnt sie mit sich und ihrer Religion. Die jüdischen Kreise Berlins zu Anfang unsers Jahrhunderts sind hier von der Verfasserin in sehr ansprechender Weise geschildert, aber immer nur als Rahmen, aus dem das Bild Paulinens lebensvoll hervortritt. Den Abschluß des Romans bildet die Heimkehr eines Onkels Paulinens, der nach den Befreiungskriegen, in denen er für Deutschland mitgekämpft, nach England gegangen war, weil er die Reaction, die über Deutschland nach der großen Erhebung hereinbrach, und die die bessern Juden doppelt schwer traf, nicht ertragen konnte. Dieser Onkel, dessen Zärtlichkeit für Paulinen sich schon in ihren Kinderjahren zeigte, wird nun ihr Gatte. Es ließe sich vom künstlerischen Standpunkte manches gegen das Werk sagen: Die einzelnen Gestalten sind nicht um ihrer selbst willen, sondern nur um der Heldin willen da, sie erscheinen nur, soweit sie um Paulinens willen nothwendig sind, und verschwinden, ohne daß wir von ihrem Hilberg's Jllustrirte Monatshefte. II, 1. — October 18 Schicksal ein Weiteres erfahren. Auch der Schluß mit der zweifelhaften Lösung des Schicksals von Lydia dünkt uns verfehlt. Trotzdem hat das Buch, wie wir nachzuweisen suchten, unverkennbare Vorzüge, die namentlich in der Charakteristik der Personen, der Schilderung der eigenthümlichen Verhältnisse, unter denen diese Menschen leben, sich zeigen. In schlichter und beredter Weise ist uns die Entwickelung eines klar denkenden, feinfühlenden, charaktervollen, weiblichen Wesens geschildert, das in Rücksicht auf die speciellen Beziehungen, die wir erläutert, ein Prototyp genannt werden kann. 8. 8. GM Md Mtz. Unfreiwillige Beiträge zur Komik in der neuesten Broschüren -Literatur. Ein weiser Satz der Altrabbinen sagt: Achte nicht auf den Krug, sondern auf das, was darinnen ist! Traun! ein weiser Spruch, eine treffliche.Lebensregel zur Beurtheilung von Personen und Sachen, denen wir im Leben begegnen. Wenn wir dessenungeachtet für heute von dieser Lebensregel uns entfernen und, auf eine zufällige Aeußerlichkeit unser Augenmerk richtend, die beiden uns zur Beurtheilung vorliegenden Broschüren nach der Farbe ihres Umschlags „Grün und Roth" überschreiben, so geschieht dies weniger darum, weil wir in dem Inhalt der beiden Broschüren mit der Umschlagsfarbe eine gewisse Uebereinstimmung aufgefunden haben, obwol dies thatsächlich der Fall ist, sondern weil wir gerade mit der Hervorhebung dieser Aeußerlichkeit gleich von vornherein zu erkennen geben wollen, daß der Leser keine ernste Beurtheilung erwarten möge, sondern daß wir lins die beiden Expectorationen nur so von oben hin und vornehmlich nach ihrer komischen Seite betrachten wollen, eine Seite freilich, die am allerwenigsten in der Absicht der beiden Verfasser gelegen ist, weshalb wir ihre Products gewiß nicht!S. 5

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