Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 64 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthuins. net sie uns namentlich in den Jüdinnen Figuren, in denen noch als Schatten das frühere, allgemein angenommene Vorurtheil, „cs sehne sich die Judenwelt nach dem Erlöser", umhergeht. Da das weibliche Herz zum Repräsentanten dieser Sehnsucht nach dem Erlöser und der Liebe gemacht wird, so geht die Sehnsucht nach dem unbekannten Etwas schnell über in das bekannte „Hangen und Bangen in schwebender Pein", das aber nicht das Charakteristische gerade der Jügendgefühle der Judenmädchen bezeichnet. Die Stellung des jüdischen Stammes inmitten der Gesammheit bringt naturgemäß ein Vergleichen, Denken, Urtheilen mit sich, das aber dem sentimentalen Gefühlsleben eher hinderlich als förderlich ist. Durch die frühen, religiösen Eindrücke und durch die Abgeschlossenheit vom äußern Leben bildet sich ein ernstes, nachdenkliches Wesen, das wenig mit dem phantastischen Traumleben der weiblichen Jugend im allgemeinen zu thun hat. Dies ernste, gehaltene Wesen der begabter» jüdischen Mädchen, das sich vornehmlich in dem Drang nach geistiger Ausbildung und nicht in der Sehnsucht nach Liebeslust kundgibt, hat Fr. Rahel trefflich gezeichnet; das grübelnde, sinnende, Wahrheit suchende junge Mädchen ist in seinen Grundzügen ein echtes Charakterbild, wie es kaum noch ist geschildert worden. Und hat die Verfasserin manchmal auch zu viel gethan, sind namentlich die Tagebuchsreflexionen etwas exotischer Natur, so ist doch die Grundstimmung eine wahre und naturgemäße. Wenn wir nun das Psychologische in Pauline nachzuweisen suchten, so haben wir unsere Aufgabe eigentlich erfüllt, da die äußern Erlebnisse Paulinens einfacher Natur sind. Nach einem kurzen Liebestraum, mit dein sie durch den Besuch des Freundes ihres Bruders, der mit ihm gemeinschaftlich studirt, umsponnen wird, aus dein sie aber nach dem Empfang des ersten Liebesbriefs, der in seiner Ueberschwenglichkeit ihr unwahr erscheint, erwacht, begleiten wir sie nach Petersburg, wohin sie nach dem Tode ihrer Mutter zu dem genannten Bruder reist, um bei diesem leine Zufluchtsstätte zu finden. Dieser Bruder Adolph ist aber einer der Dutzendmenschen, die den Lockungen der Außenwelt nicht zu widerstehen vermögen, namentlich wenn sie ihnen in Gestalt eines schönen, vornehmen Mädchens entgegentreten. Er verließ seinen Glauben und sein Vaterland, um als Arzt in Petersburg eine äußerlich vortheilhafte Stellung zu erringen. Pauline findet ihn vollständig in den Banden seiner jungen, schönen Frau, Sklave ihrer Launen und ihres praktischen, rein auf das Aeußerliche gerichteten Wesens. Diese Frau kennzeichnet eine ganze Masse von Weibern, deren kleinlicher Egoismus erst erkannt wird, wenn das Herrscherthum von des Mannes Gnaden ihnen zutheil geworden. Sie übt an Paulinen Bekehrungsversuche, beruft sich in frommem Eifer auf ihre christliche Liebe, die in dem Widerstand Paulinens nichts als Verstocktheit eines eigensinnigen Herzens sehen kann, kurz, sie quält das edle, charaktervolle Mädchen, wie nur eine Frau quälen kann, und wie es nur eine Frau zu schildern versteht. Diese Episode, in der zuleich die glänzende Zarenstadt mit ihren imposanten Gebäuden^ ihren eigenthümlichen Festen geschildert wird, ist eine der schönsten Partien des Buchs. Pauline aber soll ihren Charakter nur an den Gegensätzen, die ihr dies moderne Leben darbieten, kräftigen, nicht ihren Ruhepunkt in ihm finden. Sie schlägt zwei Heirathsanträge, die ihr von achtungswerther Seite geboten werden, aus, weil sie sich selbst und ihrem Glauben treu bleiben muß. Nun hört jedes Einvernehmen mit ihrer Schwägerin auf und sie wendet sich von Petersburg nach Berlin, wo sie in dem Hause eines reichen Onkels, des Kaufmanns Lewes, eine liebevolle Aufnahme findet. Hier tritt Pauline in Connex mit dem obengenannten Element, das den Zwiespalt, der zwischen dein altjüdischen und dem modernen Leben liegt, nicht anders zu lösen versteht als in dem gänzlichen Verleugnen der Vergangenheit. Diese rein äußerliche Aneignung der modernen Culturelemente, die jedes sittlichen Grundes baar in Scheinwesen und Frivolität sich verflüchtigt, zeitigt