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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-10-01 · Heft 1 (Oktober 1865) · p. Seite 63

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 1 (Oktober 1865)
Date
1865-10-01
Page
Seite 63 (sequence 68)
Language
German
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In Banden frei. 63 die Anerkennung der Leser sichert. Es liegt. Dank unserer höhern Natur, in dem einfachen, bescheidenen, ans alles Aeußere verzichtenden, nur in seinem Gott lebenden und in ihm sich befriedigt fühlenden Gemüth ein Reichthum, der keiner äußern Ausstattung bedarf. Der Jude der frühem Zeit fühlte kaum die Entbehrung, die Entsagung, die fein Leben in sich schloß. Dies selbstlose, entbehrungsvolle Leben wird uns in der Familie gezeichnet, der Pauline, die Heldin des Romans, entsprossen. Besonders ist die Mutter Paulinens eine meisterhafte Schilderung jüdischer Frauen einer erst kurzvergangenen Zeit. Das Leben dieser Frauen, die als Mädchen nur Gehorsam gegen ihre Aeltern, später nur Hingebung und Aufopferung für Mann und Kinder kannten, war indeß kein müßiges, passives, gottverlassenes Sklavenleben. Freilich das Recht des individuellen Beliebens, den Lebens- und Liebesmuth, der unsere Jugend erfüllt und der das Glück sich selbst, nach eigenem Ideal erschaffen will, kannten jene nicht. Aber das menschheitliche Moment und der höhere Gehanke fehlte deshalb ihrem Leben nicht. ' Aus dem Pflichtgefühl, das durch die Religion seine Weihe empfing, entstand ein durch Arbeit und Thätigkeit erfülltes Leben. Man muß eine genaue Kenntniß des innern und äußern Lebens dieser jüdischen Familien und Frauen besitzen, um Kompert's Allsspruch, den er einer Mutter in den Mund legt, nicht miszuverstehen. „Eine jüdische Mutter hat mehr zu thun, als sich um Liebe zu bekümmern." Voll Gehorsam gegen ihre Aeltern, voll Treue für das eheliche Verhaltniß, voll Zärtlichkeit für ihre Kiitder, voll Sorgfalt für die Erfüllung jedes religiösen Gebots, voll Hingebung an das Familienganze, dabei die stete Sorge um des Lebens Nothdurft, wie sollten sie sich um „Liebe" kümmern, um das subjective Belieben des einzelnen, das ihnen nur ein Egoismus des Herzens schien? — Pauline ist nun das Kind einer solchen Mutter, eines solchen Familiengeistes — aber sie ist zugleich das Kind einer anderen Zeit, anderer Eindrücke. Das Leben der Juden nach der Französischen Revolution ist ein anderes als vor derselben; es tritt in Wechselwirkung mit dem allgemeinen Leben. So tritt auch Pauline in Kampf mit ihrer nächsten Umgebung. Sie kann nicht wie die Mutter in selbstloser Pflichterfüllung, in schweigendem Gehorsam die Aufgabe des Lebens finden. Ihre Jugend macht sich geltend; sie sucht zuerst Genuß und findet diesen nur zuweilen in der freien Natur, in dem Einathmen des Lebensgeistes, der ihr aus Meer und Wald und Flur beseligend entgegenweht. Aber auch hier kann sie nicht „nur geradezu genießen"; sie legt den Maßstab des Gedankens an jede äußere Erscheinung. Ohne daß ihr die Welt des Geistes durch Kenntnisse, durch Lektüre erschlossen ist, ahnt sie diese Welt in ihrem eigenen, denkenden Geiste. Es ist ein eigenthümlich Ding um dies naive Denken; es scheint ein Widerspruch und ist doch keiner. Wir sind nur nicht gewöhnt, junge Mädchen vorwiegend mit Denkvermögen ausgestattet zu sehen, und in diesem Sinne ist Pauline eine Romanheldin eigener Art. Und dennoch hat die Verfasserin gerade in diesem Punkte sich von einem sehr richtigen Takte leiten lassen, denn sie hat eine Gestalt gezeichnet, wie sie aus dem jüdischen Leben ganz naturgemäß sich entwickelt. Unsere moderne Romanliteratur hat häufig jüdische Männer und Frauen zeichnen wollen; mit den letzter», den Frauen, ist es ihr zum größten Theil nicht geglückt. Außer den Kompert'- schen Novellen und den zwei Erzählungen Bernstein's gibt es kaum eine getreue poetische Schilderung jüdischen Lebens. Die genannten Werke haben es aber mit einem bereits Abgeschlossenen und Fertigen zu thun, und es bewährt sich an ihnen das bekannte Wort: „Was unsterblich im Gesang soll leben, muß im Leben untergehen." Der Uebergang aber aus der alten in die neue Zeit, der Bruch mit der Vergangenheit erzeugte Zustände und Gestalten, die den Stempel dieser gefährlichen Krise an sich trugen. Dieser brüchigen Gestalten hat sich unsere I Romanliteratur bemächtigt, und so zeich-

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