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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-10-01 · Heft 1 (Oktober 1865) · p. Seite 61

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 1 (Oktober 1865)
Date
1865-10-01
Page
Seite 61 (sequence 66)
Language
German
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Biblische Stoffe in der neuern deutschen Dichtung. 61 getragen hat, der Phantasie unserer Dichter die Gestalten der Bibelwelt nahe zu bringen, ist unbestreitbar. Aber sowenig Klopstock der erste ist, welcher Hexameter in deutscher Sprache verfaßt hat, und sowenig man daher berechtigt ist, Klopstock den „Vater des deutschen Hexameters" zu nennen, ebenso wenig kann mail ihn als denjenigen bezeichneil, durch welchen die deutschen Dichter zuerst auf biblische Stoffe hingewiesen wurden. Und wenn Wilhelm Wackernagel, sich gegen diejenigen wendend, welche Klopstock's Verdienst um die deutsche Metrik noch größer darstellen wollen, als es in der That ist, in seiner „Geschichte des deutschen Hexameters bis auf Klopstock" fragt, ob es denn nicht Ruhms genug sei, der erste wahrhafte Dichter gewesen zu sein, welcher den Hexameter in deutscher Sprache anwendete, so dürfen wir wol mit dem gleichen Rechte fragen: Ist es nicht Ruhms genug, der edelste und bedeutendste unter den Nachahmern Milton's zu sein, und bedarf die Krone des Dichters der „Messiade" auch falscher Steine, um im vollen Glanz zu strahlen? Dazu tritt noch ein Umstand, welcher, soviel uns erinnerlich, bisher immer gering geachtet worden ist, und der gleichwol eine eingehende Erörterung verdient. Man behauptet, daß Klopstock's Vorgang die deutschen Dichter zur Abfassung biblischer Epopöen angeeifert habe. Nun wohl, aber wie kommt es, daß diese „Nachfolger" Klopstock's fast ausnahmslos dem Beispiele Milton's folgten und ihre Stoffe nicht wie Klopstock ans den christlichen Evangelien oder ans den Heiligenlegenden der ersten christlichen Zeit, sondern auS den Religionsbnchern der Inden wählten? Von dem Dichter der „Noachide" an bis auf den frommen Erzbischof Ladislaus Pyrker, den Verfasser der „Perlen der heiligen Vorzeit", lind bis auf Friedrich Hebbel, den Dichter der „Judith", und seine zahllosen Nachahmer, haben unsere Dichter mit sehr wenigen Ausnahmen sich an die Bivel der Juden gehalten und nicht an das Nene Testament. Versuche wie Lavater's „Jesus Messias" sind völlig vereinzelt geblieben und sind auch in ästhetischer Beziehung ohne alle Bedeutung. Worin liegt der Grund für diese eigenthümliche Erscheinung? Einfach darin, weil es nicht räthlich war und ist, dem Beispiel Klopstock's zu folgen, weil sich der Inhalt des Neuen Testamentes zum Theil nur mühsam, zum andern Theil gar nicht in poetische Form bringen läßt.*) Das Reue Testament bietet dem Dichter nur eine sehr geringe Ausbeute an für die poetische Darstellung geeigneten Thatsachen und Charakteren, sein Inhalt ist vorzugsweise ein didaktischer und darum der poetischen Form widerstrebender. Hält der Dichter an den christlichen Dogmen fest — und dies zu unterlassen wäre ein gefährliches Wagniß! — dann ist es ihm schon vor allem schwer, ja unmöglich, den Schleier des Geheimnisses zu entfernen, der sich über die Persönlichkeit des Messias breitet. Das christliche Dogma von dein Gottmenschen Jesus. Christus ist abstraet, ist fern jeder sinnlichen Wahrnehmung, und sein Zusammenhang mit dem natürlichen Lauf der Dinge wird von der katholischen Kirche selbst als unbegreiflich, als ein Geheimniß bezeichnet. Aber in der epischen und dramatischen Poesie darf nichts Geheimniß bleiben, müssen wir den Zusammenhang von allein und jedem frei überschauen können. So steht der Dichter hier vor einem großen Problem, das er nicht vermeiden, aber auch nicht lösen kann. Der Glaube kann sich nur der Lyrik als poetischer Form bedienen, nur in der Lyrik finden auch dunkle Gefühle und unklare Anschauungen die Möglichkeit sich ausznsprechen. Abgesehen von dem Messias gibt es aber in den Erzählungen des Neuen Testaments keine einzige Persönlichkeit, welche zum Helden einer großartigeil Dichtung, zumal eines *) Um gewissen gehässigen Misdeutungen im voraus zu erwidern, bemerken wir hier ausdrücklich, daß wir in diesen Untersuchungen nicht den religiösen, sondern einzig und allein den literarisch-ästhetischen Standpunkt einnehmen. Schlimm genug, daß eine solche im Grunde doch selbstverständliche Verwahrung noch eigens und feierlich erhoben werden muß!

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