Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 60 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Illustr. Monatsh. für die gef. gen haben, und es würden in jener für das große Epos gestimmten Zeit ganz andere Dichtungen entstanden sein als die metaphysische „Messiade", Dichtungen mit nationalen, der deutschen Geschichte entnommenen Stoffen. Aoer es sollte nicht so kommen, und wir besitzen bis zur Stunde in unserer gesarnmtcn reichen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts kein nationales, unsere geschichtliche Vergangenheit verherrlichendes Epos im großen Stil, ein Mangel, den auch die nächste Zukunft nicht heben wird, denn die Zeit des Epos ist wol für lange Jahre, vielleicht für immer vorbei. Klopstock war auf dem rechten Wege, als er sich mit dem Gedanken trug, Heinrich den Vogler in einem großen epischen Gedicht zu feiern. Von welcher Bedeutung es für die Entwickelung unserer Literatur geworden wäre, wenn Klopstock anstatt der „Messiade" ein nationales Epos geschaffen hätte, wird man ermessen können, wenn man die Aufnahme bedenkt, welche 25 Jahre nach ihm Goethe mit seinem „Götz von Berlichingcn" gefunden hat. Aber auch Klopstock ist unter die Nachahmer Milton's gegangen. Wir haben hier zum ersten mal den Namen Klopstock ausgesprochen. Man wird sich vielleicht verwundern, daß dies erst jetzt geschieht. Wollten wir die traditionelle Anschauung unserer Literarhistoriker adoptiren, so hätten wir allerdings die „Messiade" an die Spitze dieser Betrachtungen stellen müssen. Man ist darin übereingekommcn, Klopstock nicht blos als einen großen Dichter, sondern auch als einen originellen Kopf zu feiern. Wir können dies nur bedingungsweise zugcben. Denn einerseits ist Klopstock nur groß für seine Zeit, und nicht für alle Zeiten, und was seine Originalität betrifft, so tritt dieselbe wenigstens in seinen: Hauptwerk nicht hervor. Die „Messiade" ist eine Nachahmung des Milton'schcn Gedichts, eine in mancher Beziehung glückliche Nachahmung, aber doch nur eine Nachahnrung. Was K. Fr. Cramer in seinem panegyrischen Werk über Klopstock behauptet, daß dieser den Plan zu seiner „Messiade" gefaßt Interessen des Judenthums. habe, noch bevor er Milton's Gedicht kennen gelernt, ist geradezu unglaublich. Wie, als alle Welt in Deutschland sich mit Milton beschäftigte, sollte Klopstock der einzige gewesen sein, der es nicht gethan? Den Plan zur „Messiade" faßte er noch auf dem Gymnasium in Schulpforta! Ganz recht. Aber wie aus seiner 1745 gehaltenen Abschiedsrede hervorgeht, kannte er schon damals sehr genau nicht blos Horner und Virgil, sondern auch Voltaire, Tasso und — Milton, vor: welchen: letzter:: er mit besonderer Verehrung spricht. Und als er im Herbst desselben Jahres die Universität Jena bezog, dachte er seinen Plan nicht vor seinen: .40. Lebensjahre auszuführen; ein Beweis, daß ebei: die „Messiade" damals noch nicht begonnen war. Klopstock hatte, wie schon erwähnt, in seiner frühesten Jugend die Absicht, Heinrich I. in einem großen Epos zu feiern. Es ist wol kaum zu bezweifeln, daß er durch die Bekanntschaft mit Milton davon abgekommen und zu dein ersten Gedanken an eine „Messiade" angeregt worden sei. Es scheint uns wahrhaftig leichter, dies nachzuweisen, als das Gegentheil davon zu glauben, und es zeugt vor: Gedaukeulosigkeit oder nationaler Eitelkeit, daß unsere Litterarhistoriker die Angabe Cramer's bisher so leicht hingenommen haben. Wenn wir also bei diesen Untersuchungen unmittelbar von Milton's Epos und nicht von der „Messiade" ausgehen, so wird man uns keiner Parteilichkeit gegen den verehrrmgswürdigen deutschen Dichter beschuldigen können, um so weniger, als nicht Klopstock, sondern gerade Bodmer der erste war, welcher, von Milton's Gedicht begeistert, seine Aufmerksamkeit auf biblische Stoffe lenkte. Die ersten drei Gesänge der „Messiade" erschienen bekanntlich 1748 in: 4. Bande der „Bremer Beiträge"; Bodmer's „Grundriß eines epischen Gedichts vor: dem geretteten Noah" wurde dagegen schon ii: der von ihn: und Brcitiuger herausgegcbenen „Sammlung kritischer, poetischer und anderer geistvoller Schriftei:" (Zürich 1741—44 veröffentlicht. Daß der imiiiense Erfolg der „Messiade" mächtig dazu bei-