Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 59 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
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SS Biblische Stoffe in der neuern deutschen Dichtung. Joh. Jak. Bodmer's Nebersetzung von Milton's Epos „tlla karackiss lost" (I. Milton's Verlust des Paradieses, ein Heldengedicht, in ungebundener Rede übersetzt. Zürich 1732) hat bekanntlich die erste Veranlassung geboten zu jenem berühmten Federkriege der „Schweizer" mit den „Leipzigern", welcher die neue Zeit in der Geschichte unserer Literatur eröffnet. Es ist der hochangesehene leipziger Professor Gottsched, gegen dessen nach französischem Muster zugeschnittene ästhetische Theorien die Schweizer Bodmer und Breitinger mit einer anfangs nur kleinen Schar von Gesinnungsgenossen sich erheben. Der erste matte Strahl der kommenden Morgenröthe bricht hervor. Nicht mehr die nüchterne, frostige, Phantasie und Gemüth verleugnende Gelehrtenpoesie des 17. Jahrhunderts, die in übertriebenem Ebenmaß, in einförmiger Regelmäßigkeit das Höchste der Kunst erblickt, soll fürder den deutschen Dichtern als Vorbild gelten. Phantasie und Gemüth treten wieder in ihre lang verkannten Rechte ein. Von den Kreideküsten des stammverwandten England schallt herüber die Losung einer neuen Poesie und findet — zuerst eben in der Schweiz — begeisterte Aufnahme. Im Kampfe dagegen fällt der leipziger Diktator init seiner ganzen Bannerschaft, und der Fluch der Lächerlichkeit vernichtet ihn. Es war also vor allen der Dichter eines biblischen Epos, welchen Bodmer und Breitinger auf den Schild erhoben. Auf diesen Umstand glauben wir jene eingangs erwähnte auffallende Erscheinung zurückführen zu müssen, daß die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Philosophen und Atheisten, so viele Dichtungen aufzuweisen hat, deren Stoffe der Bibel entnommen sind. Die deutschen Dichter sind allezeit sehr geneigt gewesen, fremde Vorbilder auf sich wirken zu lassen und nachzuahmen, zumal im 17. und 18. Jahrhundert. Man hat große Dichter schon oft mit Kometen verglichen, und fürwahr, gerade in Deutschland muß dieses Gleichniß treffender erscheinen als in irgendeinem andern Lande; der Schweif des Kometen erinnert uns an die langen Scharen von Nachahmern, die jeder große und jeder glückliche Dichter der Heimat und der Fremde bei uns gefunden hat. Goethe's „Götz" wurde in einer Ungeheuern Menge von Ritterstücken, sein „Wertster" in einer Unzahl sentimentaler Liebesgeschichten nachgeahmt. Schiller's Jugenddrama rief eine wahre Sündflut von Räubertragödien und Räuberromanen hervor. Unsere Humoristen ahmten englische Vorbilder, Sterne und Smollet nach, der Familienroman lehnte sich an Richardson's „Clarissa" an, unsere bürgerlichen Tragödien wurden hervorgerufen durch G. Lillo's „Kaufmann von London", unsere „rührenden" oder „weinerlichen" Lustspiele waren eine Nachahmung der „eomöckia larmozante" des blivello cke 1a Otiaus- S66. So erklärt sich auch die Unzahl biblischer Dichtungen in unserer Litteratur des 18. Jahrhunderts. Es ist dies ein demüthigendes Geständniß, aber die erste Pflicht ist, wahr gegen sich selbst zu sein. Daß Bodmer in seinen Streitschriften gegen Gottsched immer und immer wieder auf Mitton zurückkam, war eine Folge seiner Oppositionslust und seines Starrsinns, und daß er, als er zuerst nach Dichtungen suchte, au welchen er seine ästhetischen Principien entwickeln konnte j gerade Milton's Epos wählte, war genau genommen ein Zufall. Es hätten sich ihm wahrlich noch andere Gedichte genug dargeboten, die für seine Zwecke geeignet gewesen wären. Aber dieser Zufall wurde von unabsehbarer Bedeutung in Bezug auf die Wahl der Stoffe in unserer Litteratur. Durch Bodmer wurde Milton's Gedicht in Deutschland ebenso populär als in England selbst. Wer staunt da noch, daß unsere Dichter sogleich daran gingen, ihre Leiern nach dem Tone zu stimmen, der von Milton angeschlagen war? Das biblische Epos kam aus die Tagesordnung in unserer Literatur. Wir haben wahrhaftig nicht Ursache, diese Fügung des Schicksals übermäßig zu preisen. Ohne Bodmer's Übersetzung würde die deutsche Literatur in Bezug auf die Wahl der Stoffe ganz andere und gewiß glücklichere Wege eingeschla-