Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 58 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. nationalem Boden. Es erklären sich diese Unterschiede zwischen den beiden Jesaias ganz je aus der politischen Stellung des Judenthums heraus. Das talmudische -12^ Sanh. 98, 6 hat gewiß auch nur den Sinn, daß, wie man glaubt, sich die betreffenden Jesaianischen Weissagungen in den Tagen Chiskijahu's erfüllt haben, weil sie darauf zielen. Ist es doch auch mit dem Messianismus des Christenthums nicht anders gegangen. Auch dieser bewegte sich in seinen Ursprüngen und Anfängen auf jüdisch-nationalem Boden. Erst die Bestrebungen des Heidenapostcls Paulus haben denselben von diesem Boden entfernt und ihm einen universalistischen Charakter gegeben. Ob zum Nor- oder Nachtheil des Christcnthums, ist eine Frage, welche uns hier nicht berührt. Aber daß es so ist, darüber geben die Untersuchungen über das Urchristcnthum und die Kritik der neutcstamentlichen Schriften hinreichenden Aufschluß. Das Evangelium des Matthäus — und auch dieses ist in der Gestalt, wie wir es haben, nicht das ursprüngliche, sondern vielfach bereits im Sinne des Heiden- oder Weltchristcnthums abgeändert — bewegt sich noch fast durchgängig auf jüdisch-nationalein Boden. Das Evangelium des Lukas trägt bereits die Paulinische Färbung, und das Evangelium Markus sucht die Unterschiede beider Evangelien zu verwischen, um an den jüdischen Ursprung des Christenthums nicht mehr denken zu lassen. Das Evangelium des Johannes geht darin am weitesteil und construirt, sozusagen ohne historische Unterlage, einen Christus (Messias) nach ideeller Abstraction, nicht wie er in Wirklichkeit war, sondern wie er nach heidnisch - paulinischer Idee und johanneischer Speculation für das universale Weltchristenthum hätte sein müssen. Die christlichen Kritiker unserer Tage und modernen Biographen Jesu geben zu, daß ein historisches Charakterbild ihres Helden weder aus den Profanschriftstelleru noch aus den sogenannten Synoptikern, die, wie sie zugeben, Augenzeugen nicht waren und deren Schriften eine Parteifärbung an sich trageil und dadurch entstellt sind, sich auf- oder Herstellen lasse, trösten sich aber damit, daß sie nunmehr nach eigener und früherer Speculation das Recht haben, statt des wirklichen, historischeil Christus sich eineil ideelleil zu denken und Anderen vorzuführen. Zur gefälligen Beachtung. Die von lins in diesem Heft S. 9 und 55 gebrachten Abbildungen: „Die Vermählung Moses", nach einem Gemälde voll Thomas Poussiil, und „Die verzweifelnde Hagar", Statue von Emil Gauthier, bilden die siebente und achte Nummer einer in dem ersten Bande begonnenen Galerie von Copien hervorragender Gemälde und Senlptnren biblischeil Inhalts, die seinerzeit in eingehender Weise besprochen werden sollen. Literatur. Wüsche Stoffe in der neuern deutschen Dichtung. I. Es ist in der That eine seltsame Erscheinung, daß im achtzehnten Jahrhundert, in derselben Zeit, in welcher in England, Frankreich und Deutschland der alte Kampf gegen die positive Religion heftiger als je zuvor entbrannte, gerade die Bibel eine der Hauptquellen wurde für unsere nach langer Erstarrung zu neuem Leben erwachende Literatur.