Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 47 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Messiasglaube. 47 leere Spielerei gewesen, sondern die Messiasidee mußte nothwendig damals in ihrer concreten Erscheinung und Bestrebung auch eine politische Färbung annehmen. Es wird uns dabei zweifelhaft, ob nicht vielleicht gerade deshalb Jesus den gewaltsamen Tod gefunden und die Einmischung der Römer stattgefunden hat. Als Beweis dafür könnte die Ueberschrift am Kreuze tlMI „(I) Jesus der lHi) Nazarener, i ll rox) König der (1) Juden" gelten, welche dadurch gerade ihre rechte Erklärung finden dürfte. Auch erkennen wir so, abgesehen von andern Beweisen hierfür, daß das Christenthum durchaus nicht von Anfang an den universellen Charakter hatte, welchen man ihm im Gegensatz zum Judenthum vindiciren zu können und zu müssen glaubt. Der Universalismus ist dem Judenthum überhaupt und der Messiasidee insbesondere immanent, d. h. ein ursprüngliches und von Anfang an und immerfort innewohnendes Prineip gewesen. Erst als sich die messianischen Hoffnungen und Bestrebungen Jesu nicht realifirten, hat man denselben eine ideale und damit universelle Färbung gegeben. So besonders im Evangelium Johannes und in der Apokalypse, welche ihre Grundanschauungen Johannes dem Täufer verdankt, der überhaupt sich darin von Jesus, dessen Vorläufer er war, unterschied, daß er die messianischen Hoffnungen idealer anffaßte. Damit hängen dann auch die Hoffnungen auf die Wiedererscheinung Jesu und die Idee des Chiliasmus zusammen. Renan, dem in seinem „Leben Jesu" der historische Jesus unter der Hand verloren ging, stellte ihn nach dem Evangelium Johannes ideal und darum viel schöner, aber nicht der Wirklichkeit nach und mit geschichtlicher Treue wieder her. Ihm scheinen auch namentlich die neuern Forschungen der Deutschen über die Unechtheit dieses Evangeliums unbekannt geblieben zu sein. Im Christenthum ist nun die ideale Seite des Messianismus so sehr sublimirt, daß demselben aller reale Boden des Erdenlebens zu entschwinden schien und der neue Glaube den Menschen mehr für den Himmel erfaßte und erzog als für die Welt und das Leben in ihr. Das war nun die andere Seite des Messianismus, welche denselben bis zum Ertrem rein ideal auffaßte, während im Judenthum dasselbe eoncret erfaßt zu werden schien. Aber es ist dies nur die eoncrete Unterlage, welche die Idee des Messianismus nirgends entbehreil kann. Die ideale, universelle Seite hat darum demselben zu keiner Zeit im Judenthum gefehlt. Davon geben die alten messianischen Stellen der Propheten, wie die neuesten jüdischen Bekenntnißschriften Kunde. Selbst die ideale Seite des Messianismus ini Judenthum hat kein Utopien vor Augen, sondern realisirbare, eoncrete Verhältnisse des menschlichen Daseins und Völkerlebens aus Erden. Daß der „Sohn David's" nicht das Hauptcharakteristikon des Messianismus bildet, zeigt schon die Zeit, in welcher dieser Gedanke zuerst auftauchte. Die Rückkehr der Juden aus Babel nämlich und die Wiederherstellung ihrer nationalen Selbständigkeit ward durch keinen ,,^-ohn Davids" als solchen vollbracht, wenn auch Serubabel, dem Davidischen Hause entsprossen, an der Spitze des zurückkehrenden Erulantenzugs stand. Es wird ja anfänglich auch die Verfassung eines Königreichs wiederherzustellen nicht einmal versucht, lind als dies später geschah, geschah es nicht unter der Dynastie David's. Es dachte niemand daran, die Nachkommen der alten, untergegangenen Davidischen Dynastie wieder auf den Thron Judas zu erheben. Niemand hielt dies weder für nothwendig, noch möglich. Ebenso wenig war dies bei den spätem messianischen Erhebungen von Bar-Cochba bis Sabbatai Zewi der Fall. Und daß diese Er Hebungen des messianischen Idealismus lind Universalismus gänzlich entbehrten, nicht blos particularistisch, sondern sogar egoistisch beschränkt waren, zeichnete sie von vornherein als falsch. Wenn man in unserer Zeit oft so gern den Begriff des „persönlichen" Messias betont, so scheint es, daß inan sich des Urlind wahren Begriffs der Messiasidee und der historischen Ent-