Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 46 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Jllustr. Monatsh. für die ges. kennen. Da heißt es bei der Einsetzung des Sabbats nach Vollendung der Schöpfung aus dem Nichts und zur Erinnerung an dieselbe (Gen. 2,3): „An ihm hatte Gott aufgehört, seine Werke zu schaffen, die er geschaffen, um sich fortz «entwickeln."*) Nach jüdischer Anschauung steht also das „goldene" Zeitalter nicht am Anfang und das „eherne" am Ende, sondern vielmehr das „eherne" am Anfang und das „goldene" am Ende. Diesen Gedanken der Fortentwickelung und Vervollkommnung unseres menschlichen Daseins und unserer irdischen Zustände, welcher mit der Schöpfung der Welt und der Entstehung des Judenthums gleichsam geboren ist, hat das Judenthum auch in seiner Messiasidee niedergelegt. Es liegt darin der Gedanke, daß, so schlimm und unerträglich auch unsere Verhältnisse und die Zustände unsers irdischen Gebens und Daseins sein mögen, wir die Hoffnung auf Besserung und Erlösung haben — und die Pflicht, sie zu erstreben. Gott hat sie „verheißen", er wird sie „bringen", dazu „verhelfen". Allgemein gefaßter und auf die fernste Zukunft hin universell gedeutet, wird man also unter der Verwirklichung der Messiasidee eine Zeit begreifen, in der alle Menschen und Völker im Besitz der wahren Gotteserkenntniß und durch ein Leben nach Gottes Lehre sämmtlich in Glück und Zufriedenheit für sich und in Liebe und Frieden miteinander leben werden. Von diesem Universalismus der Messiasidee sind alle Propheten voll, und dieser macht auch den Grundbegriff derselben aus. Alle Ideen haben an sich und in ihrer Abstraction den Charakter der Göttlichkeit und sind universell, werden aber in ihrer concreten Anwendung und Verwirklichung im Leben particularistisch beschränkt. Sv das Jndenthum überhaupt, welches seiner Idee und Be- V Nicht: „die er geschaffen (aus dem Nichts hervorgerufen), um sie zu machen." Dies würde ein Schaffen und Bearbeiten des Stoffs nach Menschen Art voraussetzen Mid der heidnischen Vorstellung immer noch zu ähnlich sein. Interessen des Judenthums. stimmung nach universell ist und in seiner palästinensischen Erscheinung particularistisch auftrat. So auch die Messiasidee im Judenthum. Wenn daher auch die Messiasidee ein dem Judenthum von Anfang an und ursprünglich inwohnendes Princip ist, so ist es doch aus diese Weise erklärlich, daß dasselbe erst in die Erscheinung trat, als Israel durch den Verlust seiner nationalen Selbständigkeit die Noth des Exils empfand und auf Erlösung aus derselben, auf Besserung seiner Verhältnisse und Zustände hoffte, danach strebte. Die Messiasidee mußte hierdurch einen particularistischen, jüdisch - nationalen Charakter annehmen. Es war auch zu natürlich, dag die Idee, ihres universellen Charakters entkleidet, unter der Form eines persönlichen Messias, „eines Sohnes David's", auftrat. Denn die politische und nationale Selbständigkeit des Volks war mit der Davidischen Dynastie und diese mit jener untergegangen. Von der Restitution dieser dachte mail auch die jener abhängig und gegeben. Das dem Judenthum entfremdete Zehnstämmereich (das Reich Israel) und dessen Dynastie kam selbstverständlich nach dessen Untergang für Juden und Judenthum nicht mehr in Erwähnung und Betracht. So erklärt sich auch die einschlägige Bewegung des Christenthums. Auch damals war trotz der bestehenden (Schein-) Selbständigkeit der israelitischen Nation und einer gesonderteil Dynastie unter den Herodianern durch diese das Reich in politischen Verfall gerathen, mit welchem der religiöse und moralische Hand in Hand ging. Daraus ist die Neubelebung der messianischen Hoffnungen und Bestrebungen zur Zeit Jesu verständlich. Nicht aber blos um der Anlehnung an die alten prophetischen Stellen willen gab man oder gab sich Jesus für einen „Sohn David's" aus, sondern weil die Herodianische Dynastie eine fremde, dem Judenthum feindliche und den Juden verhaßte war. Ein Zurückgreifen auf die alte, geliebte Dynastie David's war daher zu natürlich. Ebenso ist die Ausrufung Jesu als König der Juden keine Mythe oder