Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-10-01 · Heft 1 (Oktober 1865) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 1 (Oktober 1865)
Date
1865-10-01
Page
Seite 35 (sequence 40)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2417805-2417813-2417814--552-2418392
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

S. H. Mosenthal. 85 Zwischen dem „gefangenen Bild" und der nächsten Production Mosenthal's liegt ein Zeitraum von zwei Jahren. Am 12. December 1859 wurde „Düweke", Drama in fünf Aufzügen, an dem Hofburgtheater in Wien zum ersten mal aufgeführt. Diese Aufführung ist schoil deshalb merkwürdig, weil sie bis jetzt wenigstens auch die einzige geblieben ist. Die weitere Aufführung ist verboten worden. Die erste Anregung zur Bearbeitung diese» Dramas gibt der Verfasser an, durch Leopold Schefer's Novelle „Düweke" erhalten zu haben. Dieses Stück hat große Vorzüge, aber auch große Mängel. Es ist ein sehr feiner Zug, daß Magdalis, die doch einmal nach dem niederträchtigen Entschluß ihrer Mutter an Christiern geopfert ist, diesen früher kennen lernt und liebt, bevor sie etwas von dem an ihr begangenen Verrath erfährt. Sie liebt Christiern mit aller Glut ihrer Seele, da sie ihn für Faborg hält, sie liebt den Mann, der ihr das entflohene Täubchen gefangen. Daß Magdalis aber, nachdem sie das Bubenstück durchschaut, nachdem sie erfahreil, was man aus ihr gemacht hat, ein Wesen, das sich selbst verabscheut, das seinen Glauben verlor mit seiner Ehre, daß diese Magdalis jetzt sich plötzlich willenlos erklärt lind sagt, sie habe keinen Willen mehr als das Geböt ihrer Räuber und keine Hoffnung als den zögernden Tod, — das macht ihren Charakter sehr bedenklich und zerstört das Ideal, als welches sie uns früher erschienen, indem es unfern Glauben in die Echtheit ihrer Empfindung erschüttert; denn warum — fragen lvir erstaunt— den zögernden Tod? warum nicht den plötzlichen Tod? warum nicht als That sogleich vollführen, was man sich nur als schwache Hoffnung vorstellt? warum sich nicht mit einem Dolchstich aus einer Lage befreien, die so unwürdig ist, und seineil Willen ferner noch dem Gebot seiner Räuber unterordnend Hat sie den Muth nicht zu sterben? ist ihr ein elendes Leben, ein Leben der Schmach und Schande so viel Werth, daß sie sich davon nicht trennen mag? Das ist die bedenkliche Seite in diesem Stücke, daß die holde Gestalt, die uns anfangs so erfreut, in unserer Achtung sinken muß. Nicht daß ihre Mutter, die Seelenverkäuferin Sigbrit Willums, sie so rücksichtslos verschachert, nein, zu dieser erbärmlichen, ehrgeizigen lind rachsüchtigen Creatur stellen wir uns gleich an fangs in die richtige Position, aber das Täubchen! — das ist ein ins Edle angelegter und ins Kleine endigender Charakter. Mosenthal selbst ist sich derSchwüchen seiner Leistung bewußt. Er sagt dies ausdrücklich in der Vorrede: „Das psychologische und historische Interesse bekämpft sich oft, statt sich zu unterstützen." Ja, das ist auch der Fall, und man kann das Ergreifen eines solchen Stoffs immerhin als einen Mißgriff bezeichnen; mit der Ausführung aber — ist der Stoff einmal ergriffen — wird man dagegen weniger steng zu Gericht gehen dürfen. Wir erinnern beispielsweise an die vielen Bearbeitungeil der „Agnes Bernauer", ein Stoff, der jede dramatische Lösung unmöglich macht, wenn man sich nicht dazu entschließen kann, der Geschichte ins Gesicht zu schlagen. Solchen Schwierigkeiten sind selbst Dramatiker ersten Ranges nicht gewachsen; den besten Beweis liefert eben die „Agnes Bernauer" von Hebbel, deren erste vier Acte zu dem Bedeutendsten gehören, was er geschrieben. Im fünften Akt hingegen fühlt man jene unausgleichbare Kluft zwischen der künstlerisch berechtigten Forderung und der geschichtlichen Treue, die zu verletzen der Künstler nicht das Gewissen hatte. Wir werden also auch hier bei Mosenthals „Düweke" Mängel, die sich au» der Collision zwischen der Geschichte und der Kunst ergeben, nicht allzu hoch anschlageu dürfen. Auf „Düweke" folgten 1862 „Die deutschen Komödianten." Dieses Stück ist äußerst lebendig erponirt, versandet aber später in einer ganz uninteressanten literarischen Streitigkeit. 11m in der Sprache Hühnchen» zu reden, möchten lvir sagen: Die sogenannte Erposition dieses Stücks ist vortrefflich und der Dichter hat es verstanden, in den 3*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.