Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 7 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schlüssel. aber so viel Freiheiten, wie er jetzt hat, hat Felix damals noch nicht gehabt, er konnte nicht fortlaufen, wann ewwollte, er ist so wie wir andern die ganze Woche dagesessen; nur zu lernen brauchte er die ganze Woche nichts, weil er alles am Sonntag schon gekonnt hat. Das mit dem Fortlaufen ist erst seit der Geschichte mit dem neuen Rock. Es war vor „Schwur" (Pfingsten), ein sehr heißer Nachmittag, wir hatten alle die Röcke ausgezogen und sind in den Hemdärmeln gesessen. Felix legt sich mit der Hand aus den Tisch und fangt an einzuschlafen. Wie aber die Schreibstund' zu Ende ist und wir wieder die Gemoreh auffagen, kommt er von dem Gebrumm aus und sagt: Herr Lehrer, ich geh' fort. Der Lehrer uleint, er geht nur ein wenig Hillalls, und sagt nichts. Felix bleibt aber über eine Stunde draußen. Da verzieht sich der Himmel und es fangt an zu tröpfeln. Felix erscheint plötzlich in der Thür und ruft herein: Meinen Rock will ich haben. — Wozu brauchst du den Rock? fragt der Lehrer. — Ich geh' im Regen gern auf der Gass' herum, sagt Felix, aber nicht in Hemdärmeln. —Bist dll «meschugeh» (verrückt)? sagt der Lehrer, jetzt bist du über eine Stunde draußen gewesen; du kannst dich verkühlen, bleib'da und setz'dich nieder. — Felix schreit noch stärker: Meinen Rock will ich haben! — Nicht untersteh'n, sagt der Lehrer zu uns, daß ihm einer von euch den Rock gibt; wenn er meschugeh ist und im Ziegen auf der Gass' herumgeh'n will, so soll er in Hemdärmeln herumgeh'n, er wird gern' zurückkommen.— Felix schlägt mit einem Dresch die Thür zu, daß wir geglaubt haben, der Donner hat eingeschlagen und das Haus fällt zusammen, und noch am selben Abend spaziert Felix in einem neuen Rock herum, den er auf Schwues hätte anziehen sollen. Woher, meinst du, hat er den genommen?" „Woher?" fragte Srohle. „Spornstreichs ist er im Regen hillausgelaufen zu Jekew Schneider", sagte Schimmele, „der für ihn auf Schwurs eine neue Garderobe machte. Mein Rock muß heilt noch fertig werden, kommt Felix zur Thür hillein, ich geh' § nicht früher fort, als bis er fertig ist. Zekew Schneider muß richtig altes stehn und liegen lassen und muß Felixen seinen neuen Rock fertig machen. Den andern Tag kommt Felix in Eheder, wie wenn gar nichts vorgegangen wär. Der Lehrer aber hat ihm seit diesem Tage niemals mehr verboten fortzugehn, wenn er gewollt hat." „Weißt dll", sagteSrohle,,,solche Sachen Hab' ich in meinem Leben nicht gehört. Wir sind auch schölle wBocherim» (Spitzbuben) und haben unserm Rebbe schöne Stücklech angestellt. Wir haben ihm seinen Stuhl mit Pech eingeklebt, daß er, wie er sich nieoergesetzt hat, Picken -geblieben ist und nicht hat aufstehen können; wir haben ibm einmal seine silberne Uhr am Eck vom Tisch unter da. Tischtuch gelegt, weil er uns immer mit dem Tisch gestoßen hat. Wie er nun wieder an den Tisch stoßt, paff, liegt die Uhr auf der Erd' lllld zerbrockwn; wir baden ihm mit Kreiden Männer auf den Rückeil gemalt lllld was alles nocb haben wir getrieben; aber das alles ist im geheim geschehen, und keiner hat auf den andern wa? allsgesagt, sodaß der Rebbe nutzt Wat herausbringen können, wer es angestellt hat; aber wie es Felix treibt, so osteil und dem Letzrer ins Gesicht, das hat keiner sictz getraut und ich Hab' so was nocb nützt gehört bis jetzt." „Dll siehst also ein", berichtigte jetzt Schimmele, „daß das Gespräch, welches dll neulich zwischen Felix und dem Lehrer getzört tzasl, nicht allein die Ursactze ist von den vielen Freiheiten, die er hat. Wenn ich der Lehrer wär', üb nlöctzt' mir doctz das alles nützt gefallen lasten, und ich möctzte wissen, warum er sictz's gefallen läßt." Bei diesen letzten Worten ist der Lehrer, der während dieses Fwiegespräctzs gesclstummert hatte, aufgewactzt, und durch die Frage des naseweisen Schillers aufmerksam geworden, fragte er rasch: Was möchtest dll dir nützt ge fallen lassen? - Fm Gefühl aber, daß er mit dieser Frage eigentlich einen Fehler begangen habe, verbesserte er sich rasch, indem er hinzusügte: Der j Mensch muß sich alles gefallen lassen.