Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schlüssel. Diese Drohung hatte auf Gumpel gerade so wenig Wirkung wie aus Felix. Mit leuchtenden! Frohsinn und fröhlichem Leichtsinn huschten die beiden Knaben flugs zur Thür hinaus, ohne die Flut von Schmähworten anzuhören, die ihnen der Lehrer noch nachsendete. Dieser war hierdurch so erschöpft, daß er sich niederlegte, um in den Armen des Traumgottes auszuruhen. „ES ist doch merkwürdig", sagte Schimmele, „warum der Lehrer dem Felix alles erlaubt! Er kann machen, was er will, wie wenn er ein Prinz war', das sollte einmal ein anderer voll uns wagen!" „Narr, das weißt du nicht", belehrte ihn Srohle, „das kann ich dir ganz genau erklären. Neulich geht der Lehrer mit Felix allein, und ich hinterdrein, sie haben mich nicht gesehen, ich aber Hab' jedes Wort gehört und Hab' mir's gemerkt. Weißt du. Schimmele, es war vor acht Tag' Montag, wie wir «Beze» lein Traetat des Talmud) angefangen haben. Wie sie so miteinander gehen, läßt sich der Lehrer auf dem Wege von Felix auswendig die ganze Gemoreh hersageu, und der blättert ihm ne herunter besser auswendig wie wir inwendig. Wie er fertig ist, bleibt er stehen und sagt zum Lehrer: Ich inöcht' aber doch eigentlich Nüssen, warum sie sich da überhaupt herumstreiten, ob mau das Ei essen darf oder nicht? — Damit man den »Din» ldaS Gesetz) weiß! antwortet der Lehrer.— Der ganze Din ist aber keinen Kreuzer werth, schreit Felix, denn für einen Kreuzer kauf'ich mir ein andres Ei.— Was rcd'st du da für Worte? sagt der Lehrer, ich bitt' dich um Gottenwillen Felix, stell' mir keine solche Fragen mehr. — Wenn ich nicht fragen soll, sagt darauf Felix, so lern' ich auch kein Blatt Gemoreh. Frage ich vielleicht Dummheiten? — Nein, sagte der Lehrer, aber was du fragst, ist unerlaubt. — Wenn Fragen unerlaubt ist, sagt Felix weiter, so ist Schad' für's Lernen. Wozu lern' ich denn eigentlich diese Sachen?— Damit du sie wissen sollst, erwiderte der Lehrer. — llnd wenn ich mehr wissen will, als in der Gemoreh steht, ist das unerlaubt? — ES kommt 5 darauf an, wie einer fragt, bescheidet ihn der Lehrer. — Er aber rasch: Ein jeder fragt, wie er's versteht, und ich kann doch nicht anders fragen, als wie ich's —Schon gut, schon gut, sagt der Lehrer, wie er sieht, daß er mit ihm nicht aufkommt, aber sei so gut, thu mir Einen Gefallen. Fragen kannst du, soviel du willst, und was ich weiß, werde ich dir auch beantworten, aber frage mich niemals vor den andern, hörst du? niemals vor den andern. Wenn du etwas fragen willst, so warte ab, bis wir allein sind. — Dies mußte Felix dein Lehrer versprechen. Ich glaub', du wirst nun wissen, warum er ihm Alles erlaubt." „Du hättest Necht", warf jetzt wieder Schimmele ein, „wenn dies erst seit acht Tagen so wäre; aber soviel ich weiß, ist dies von jeher so gewesen, seit Felix mit uns in Cheder geht; da muß doch noch was anderes dahinterstecken. Erinnerst du dich nicht mehr an die Geschichte von dem Leierkasten?" „Von dem Leierkasten?" fragteSrohle; „nein, was war das mit dem Leierkasten?" „Warst denn du noch nicht da", fragte Schimmele wieder, „als Felix zum ersten mal in unser Eheder kam?" „Narr", versetzte Srohle, „was fällt dir ein? so ein schlechtes Gedächtniß hast du? ich bin ja erst zwei Jahre mit euch; ich war ja am längsten bei dem alten Nebbe, wo wir gute Zeiten gehabt haben. Kein »Dikdik» (Grammatik) und keine Gemoreh, nichts als die -<Sedrah» > Wochenabschnitt) jede Woch' mit »Nascht» xCommentar), und Felix muß bei euch, wie ich glaube, schon vier Jahre sein; denn so lange ist es, daß er von dem Nebbe weggenommen wurde. WaS sollte der auch dort machen, den ganzen Tag hat er aus das Strohdach gegenüber hingeguckt, als ob er dort wunder was gesehen hätte, und dann platzte er auf einmal heraus: Nebbe! Antesch bat ein Strohdach! Aber was ist das mit dem Leierkasten?" „Da weißt du", sagte mit stolzer Miene Schimmele wieder, „die Geschichte von dem neuen Rock auch nicht; denn die ist auch schon über drei Jahre alt." „Nichts weiß ich", war Srohle's schon