Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 1 (Oktober 1865)
- Date
- 1865-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Jllustr. MonatSh. für die gef. Interessen des Judenthums. pel, wenn er durchs Fenster hereinkroch, mit ein paar tüchtigen Maulschellen, und illustrirte so die bekannte Fabel von dem Hündchen und dein Esel zum Ergötzen aller Schulkinder. Für Felix war es bei seiner vorzüglichen Begabung ein Leichtes, die Portion Talmud, — mit diesen: wurde der größte Theil der Unterrichtszeit zugebracht, — sowie die für die Woche bestimmte Sedrah schon Sonntag Vormittags fertig zu bringen, während seine Mitschüler die ganze Woche daran zu kauen batten. Er wurde infolge dessen nicht mit jener Strenge wie die andern zum unausgesetzten Schulbesuch angehalten, sondern durfte, so oft es ihm gefiel, zu Hause bleiben oder spazieren gehen. Wenn Felix von dieser Freiheit weniger Gebrauch machte, als sich bei seinem Freiheitsgefühl vermuthen läßt, so war hiervon nichts anderes die Ursache als der Geselligkcitstrieb, der bei den: Knaben ziemlich stark entwickelt war. Was hätte er mit seiner Freiheit anfangen, was hätte er allein zu Hause machen, wo hätte er hingehen sollen? Deshalb sah man ihn in der Regel bei den andern, bis ihm eines Tages der geniale Einfall durch den Kopf fuhr, daß, wenn auch Kumpel dieselbe Freiheit genösse wie er, sie dann zu zweien die Zeit viel köstlicher und angenehmer zubringen könnten als in der dunstigen Schulstube, wo er kein anderes Vergnügen hatte als den Ohrenschmaus, der ihm von der aufregenden Talmudmelodie bereitet wurde. Diese Idee war zwar leichter gedacht als ausgeführt; denn wie sollte er es anstellen, dem lieben Genoffen die ersehnte Freiheit zu verschaffen! war doch dieser am Ende der Woche, Donnerstagnachmittags, wo es zu einer strengen Vorprüfung kam, kaum im Stande, die in der Woche abgehaspelte Talmudstelle zu lesen und zu erklären. Aber wenn sich Felix einmal etwas in den Kopf setzte, so gab es für ihn auch keine Hindernisse mehr; ja seine Lust, den übermüthigsten Plan auszuführen, stieg gewöhnlich in dein Verhältniß, m welchem sich der Ausführung Schwierigkeiten entgegengestellt hatten. Und so war cs auch diesmal. „Warum soll ich ", fragte er den Lehrer, „eine Ausnahme bilden von allen, daß Sie mir erlauben, zu kommen und zu gehen, wann ich will, und den andern nicht?" „Gib dich zufrieden", sagte der Lehrer, „und sei froh, daß ich es dir erlaube. Wie viel gibt man «Maißer» (Zehnten) von Stroh?" brummte der Lehrer dabei für sich in den Bart, da er wohl merken konnte, daß Felix gerade nicht die Absicht habe, sich die ihm ertheilte Erlaubnis aus Rücksicht für seine Mitschüler entziehen zu lassen. Felix war aber nicht derjenige, den eine so unbegründte Antwort, wie sie der Lehrer gegeben, zu beschw-ichtigen iin Stande gewesen wäre. Flugs hatte er den Lehrer beim Kragen: „Warum soll ich mich zufrieden geben?" „Nun", antwortete der Lehrer, „wenn es dir recht ist, so werde ich dir die Erlaubnis; nicht mehr ertheilen." „Ah! so ist es nicht gemeint," sagte Felix, „von Entziehen ist keine Rede; ich gehe, wann und wohin ich will; aber ich will es nicht allein, ich langweile mich." „Hast du das in deinem Leben gesehen?" sagte verdutzt der Lehrer, „er langweilt sich'; schafft's ihm eine Komödie her, daß er sich unterhalten kann." „Das ist nicht nöthig", erwiderte Felix, „wir können uns auch ohue Komödie unterhalten, aber allein kann ich's nicht, ich muß wenigstens noch Einen mit mir haben." „Gelobt ist Gott, daß es nur zu Einem ausgeht, sonst könnt' ich das Stöckele niederlegen und das Cheder zusperren. Nu, Felix-Leben, such dir einen heraus, aber such' dir wenigstens einen, der am wenigsten versäumt." „Wen werd' ich mir anders heraussuchen als Gumpel", sagte Felix. „Weh' mir nit! Gumpel?" schrie der Lehrer erbost. „Weiter weißt du schon gar keinen andern? justement der muß es sein? Nun auch gut, meinetwegen; du kannst mit ihm gehen, Gumpel, wohin du willst; aber das sag' ich dir, wenn es Donnerstag zum «Verhören« wird kommen, und du machst mir einen einzigen Fehler, dann will ich nicht in deiner Haut stecken, was es da für Schläg' regnen wird."