Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 494 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2417805-2417806-2417812--508-2418349- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
494 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenth ums. Grund und Wurzel, alles andere ist Erklärung.» Gegen das dunkle Wort, daß es dem Menschen besser wäre, nie geboren zu werden, erklärte er das Dasein für ein Gut, den Menschen zur Thätigkeit erschaffen. «Frisch das Leben erfassen», war sein Wahlspruch. Schammai, wenn er ein Gutes fand in der Mitte der Woche, sprach: «Das sei für den Sabbat.» Hillel sagte: «Gepriesen sei Gott Tag für Tag; heute ist ein Tag, an dem ich durch Gottes Güte mich erfreuen will, der andere wird es auch bringen.» „Geiger sagt in Bezug auf das Ehristenthum, daß er eine Religion mit Ehrfurcht betrachte, an der Millionen sich erhoben haben und noch erheben; aber daß es die Wurzel, Trägerin und Stütze eines neuen geistigen Lebens geworden sei, will er nicht zugeben. Da müßte er denn doch das Gegentheil beweisen, oder wir nennen ihm einfach die Dante und Wolfram von Eschenbach, Shakspeare und Cervantes, Goethe und Schiller, die Michel Angelo, Rafael und Dürer, die Palästrina, Händel, Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, die Abälard, Cartesius, Leibniz und Kant! Der Gedanke, sagt er, sei damals verbreitet gewesen: diese Welt bricht zusammen, die zukünftige muh bald erscheinen. Da sei ein Mann in Galiläa aufgetreten und habe verkündigt: Die Zeit ist erfüllt, das Himmelreich ist gekommen; der Menschensohn, der es gründet, bin ich selbst. Er sei ein Pharisäer gewesen, einen neuen Gedanken habe er nicht ausgesprochen; und wenn Jesus sage, daß man bei einem Schlag auf den rechten Backen den linken auch Hinhalten solle, so sei das krankhaft, eine angebliche Sittlichkeit, die das Nechtsgefühl unterdrücken wolle. Nach seiner Kreuzigung hätten seine Anhänger doch den Glauben festgehalten, daß das Himmelreich erscheinen werde, daß er dann wieder erstehen werde, und so hätten sie bald gesagt, er sei bereits auferstanden und gen Himmel gefahren. „Also das schlägt Geiger nicht an, daß Christus die erwartete neue Zeit als Himmelreich, als geistiges Reich der Wahrheit und der Liebe, als Gottinnigkeit bestimmt, daß er die Welt von der Aeußerlichkeit zur Innerlichkeit berufen, sodaß an die Stelle des Naturideals nun das Ideal des Gemüths trat, und daß er dies in seinem Leben persönlich verwirklichte, daß Religion und Sittlichkeit in ihm persönlich wurden und er damit zum Vorbild für die Menschheit; das schlägt Geiger nicht an, daß Jesus Gott als den Vater erkennen lehrte, dessen Kinder alle Menschen, und damit Brüder untereinander sind! Er macht Jesus, den Gegner der Pharisäer, ohne allen Beweis selbst zu einem solchen und hat keinen Begriff davon, daß das Böse durch das Gute überwunden werden muß, sondern hängt an der Rechtsformel: Auge um Auge', Zahn um Zahn! Daß Jesus die Liebe zum Princip des Lebens machte, ist eine weltgeschichtliche That. Und gar leicht macht es sich Geiger mit der Auferstehung oder dem Glauben.an sie, auf den die Wirksamkeit der Jünger sich stützte. Das Christenthum soll seine Mission darin gehabt und erfüllt haben, daß es den frisch in die Weltgeschichte eintretenden Naturvölkern Sittigung, gemeinsame Interessen, ein menschheitliches Gesammtstreben gab; daß durch die Kirche auch die Cultur des römischen Alt^rthums erhalten wurde, vergißt er nicht etwa, sondern er behauptet vielmebr, daß das Christenthum sich gegen alle geistigen Schätze des classischen Alterthums zerstörungswüthig verhalten habe, was aber nicht wahr ist. „Aber nun schildert Geiger wieder.vortrefflich, wie die Juden in der Zerstreuung den Glauben der Mäter treu bewahren, wie sie hier unter den Arabern, dort unter den Christen an der Culturarbeit kräftigen Antheil nehmen; wir werden uns freuen, in einer zweiten Abtheilung die ausführliche Darlegung davon zu lesen. Er schildert, wie der arme jüdische Wanderer durch die Wüste des Mittelalters schreitet, und fragt: „«Ist es auffallend, daß er das Antlitz nach der Vergangenheit kehrte, die ihm um so glänzender erschien, je entfernter sie wurde, daß er von ihrer Wiederherstellung alles Gute und Schöne ersehnte und sich die Zukunft als ihr Abbild vorstellte? Ist es ein Wunder, daß er keuchend und niedergedrückt!seine Wanderung vollzog, daß er ein stacheliges Panzerhemd anlegte, damit der Dolch ihn nicht treffen könne, damit die feindliche Berührung von außen ihm nicht nahe, daß er mit allerhand Hüllen sich umgab, damit der frostige, eisige Hauch, der ihn aus jedem Wort, aus jedem Athemzug anwehte, nicht seine Glieder durchschüttele? Ist es auffallend, daß er sich manche werthlose Schaumünze umhängte, auf sie hinsah, um sein freudloses Leben auszuschmücken, um im Hinblick auf sie sich in freundlichen Träumen zu ergehen?» „Er schließt dann: „«Jerusalem ist ein Grab, das wir ehren; aber aus dem Grab ersteht nicht das neue Leben, aus der frischen Gegenwart mußt du schöpfen und sie verwerthen. Wenn ich nicht für mich wirke uud arbeite aus dem ureigenen Geiste, wie er vermählt ist mit dem Geiste der Offenbarungslehre, wer soll dann es thun? Und wenn ich für mich allein, was bin ich dann? Wenn ich der Menschheit nicht angehöre, erfülle ich meine Pflicht nicht. Du, lieber Wanderer, lege ab das Panzerhemd, das stachelige, die Berührung ist keine feindliche mehr; thue ab die Binden, die dich umhüllen und entstellen, dich weht nicht mehr ein eisiger, frostiger Hauch an, es will Liebe überall erblühen, du hast ein warmes Herz, und daran soll die ganze Menschheit sich legen, du sollst frisch die Gesammtheit umfassen!»" Die „Grenzbvten" brachten jüngst einen interessanten Aufsatz über das Buch Daniel, der sich den frühen: Aufsätzen „Altjüdische Romane" anschlieht. Die „Gartenlaube" brachte einen sehr in teressant geschriebenen Aufsatz: „Der heilige