Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 493 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Tagesgeschichte. 493 Eleganz ausgestattet in Ferdinand Dümmler's Verlagsbuchhandlung in Berlin. Das bei M. Friedländer in Brilon erschienene „Gebet- und Erbauungsbuch für Israeliten, von M. Präger", ist im Preise von 1 Thlr. auf 15 Ngr. herabgesetzt worden. . Nr. 82 der „Blätter für literarische Unterhaltung" bringt aus der Feder Moritz Carriere's folgende Beurtheilung von Geiger's „Das Judenthum und seine Geschichte" (1. Abtheilung), die wir ihrer hohen Bedeutung wegen ohne Kürzung hier mittheilen: „Dieses Buch ist das Wort eines ernst religiösen und wissenschaftlich freien Mannes, der dem Judenthum nicht blos seine Ehre in der Vergangenheit, sondern auch das Recht seines Fortbestandes in der Gegenwart erweisen will; den Mittelpunkt bildet die Darstellung, wie das Christenthum aus dem Judenthum entstanden sei, und dies gibt ihm für die Gegenwart, die sich wieder mit dem Leben Jesu eingehend beschäftigt, ein besonderes Interesse. Geiger sieht in der Religion die Doppelnatur des Menschen ausgeprägt: das demüthige Gefühl seiner Unselbständigkeit, Endlichkeit und Beschränktheit, und den Aufschwung des Gemüths zum Ewigen und Unendlichen, das Emporstreben zum Idealen und Göttlichen, dessen Wirklichkeit eben durch dies sein Leben in der Seele und durch den Zug der Sehnsucht zu ihm hin bestätigt.werde. So unterscheidet er mit uns Religion, als ein gottinniges Leben, von dogmatischen Satzungen. Wir haben die Productivität der Semiten aus religiösem Gebiet längst anerkannt, während die Arier in Staat, Kunst und Wissenschaft vorangehen; beide sind wie Zettel und Einschlag für das Gewebe der Weltgeschichte. Aber Geiger schlägt die Religion der Arier viel zu niedrig an; er spricht von rohen Begriffen roher Völker, wo wir in dem iranischen Glauben an den im Licht sich offenbarenden schöpferischen Geist der Wahrheit und Güte und in seinem Kampf mit dem der Finsterniß und dem Bösen, wo wir in den Veden, im Brahmanen- und Buddhistenthum den Ausdruck zuerst einer jugendlich poetischen, dann einer tiefsinnig edeln Cultur erkennen; er übersieht über der Staatsreligion des spätern Rom den naturwarmen, innigen, Göttliches und Menschliches eng verbindenden Glauben der alten Jtalier, dessen Trümmer so viel Ähnlichkeit mit denen der deutschen Mythologie haben; er übersieht, daß durch den Polytheismus ebenso oft die Erkenntniß des einen Gottes bei Indiern oder Griechen durchbricht, als die Juden vom reinen Monotheismus in den Bilderdienst abfallen, und wenn er der griechischen Tragödie sogar den sittlichen Kampf, die Schuld, die der Mensch zu sühnen hat, abspricht, so fragen wir erstaunt, ob er denn niemals die «Orellie» des Aeschhlus, die «Antigone» des Sophokles gelesen habe? Der Name, der Gott eigen ist im Judenthum, «Jahve der Lebendige, Ich bin der ich bin», ist neuerdings im Aegyptischen nachg^wiesen, wo er Xnk xn nnk lautet. Wir geben gern zu, daß die Erkenntniß des geistigen Gottes, dessen Heiligkeit das sittliche Vorbild des Menschen, den zu lieben unsere Pflicht ist, der einst König der ganzen Erde sein soll, im Judenthum als Volksreligion, nicht blos als Priester- oder Philofophenlehre ausgebildet, ihm sein weltgeschichtliches Gepräge gab; aber seme jenseitige Erhabenheit bedarf der Ergänzung durch die arischen Elemente des natürlichen und geschichtlichen Lebens, die für sich allein zum Pantheismus führen, mit ihm verbunden aber zur vollen Wahrheit werden. „Den Begriff der Offenbarung knüpft auch Geiger an den der Genialität; fern von allermechanischen Inspiration, Aeußerlichkeit oder dogmatischen Befangenheit, sieht er in ihr eine Berührung der menschlichen Vernunft mit dem tiefen Urgrund aller Dinge, ein Hineinleuch- Len des Allgeistes in die einzelnen Geister und dadurch wieder einen dem Endlichen eröffneten Blick in das Unendliche. Israel, sagt er mit dem mittelalterlichen Dichter Jehuda ha Levi, ist das religiöse Herz der Menschheit, das in seiner Gesammtheit die größere Empfänglichkeit stets bewahrte, und die großen Männer sind die Herzen dieses Herzens. „In den Kapiteln über die Stellung der Frauen und Sklaven, über Opferdienst und Priesterthum ist viel Treffliches enthalten, aber ich vermisse die Geschichte. Geiger hält sich zu sehr an einzelne Züge des Wahren und Vollendeten; >'von dem Entwickelungsproceß der religiösen Idee, von ihrem Kampf mit dem Baals- und Molochsdienst im Judenthum selbst, dessen Träger und Helden die Propheten waren, erfahren wir nichts. Die geschichtliche Betrachtung beginnt eigentlich bei ihm erst mit dem Exil; erst im Kampf des Judenthums mit dem Griechenthum, wo denn neben der alexandrinischen Philosophie besonders die Sadducäer und Pharisäer hervortreten: erstere, priesterlichen Geschlechts, vornehme Weltleute, zu Concessionen bereit; letztere die Abgesonderten, die Träger des alten Judenthums bis in seine Äußerlichkeiten hinein, sodaß sie durch Waschungen, Opferfeierlichkeiten und andere erschwerende Bräuche dem ganzen Volk einen priesterlichen Charakter geben wollten. Es kam einmal zwischen beiden Parteien zu offenem Kampf, die Priester wurden im Tempel belagert, und Onias wurde von den Belagerern aufgefordert, daß er um das Unterliegen der Belagerten, um den Sieg der Draußenstehenden bete. Er aber betete: «Herr der Welt, Vater im Himmel, drin sind deine Priester, Söhne deines Volks, hier sind gleichfalls Söhne deines Volks, sie sind gegeneinander erbittert, höre nicht das Gebet jener gegen diese, nicht die Verwünschungen dieser gegen jene'.» Das Volk steinigte ihn. In ihm, in Hillel sieht nun Geiger den Träger des echten Judenthums und seiner Reformation. Hillel sagte: «Mein Sohn, vernimm oas Wesen des Judenthums: Was dir misfällt, das thue auch den andern nicht, das ist