Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 485 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stellung der Juden in Oesterreich in ihrer histor. Entwickelung. 485 Man mochte dem Juden noch so viel Laster und Fehler zu-, noch so viel Tugenden abgesprochen haben, die ungewöhnliche Zähigkeit und Ausdauer in der Verfolgung seiner Pläne konnte ihm zu keiner Zeit abgesprochen werden. Wir schicken diese Bemerkung voraus, um den Umstand zu erklären, warum so bald nach der zweiten großen Judenverfolgung (1670) dieselben wieder gegen Entrichtung hohen Schutzgeldes sporadisch in den "österreichischen Landen zu finden waren. Oesterreich lim engern Sinne) erschien ihnen als der Brennpunkt des ausgedehnten Handels in die Levante einerseits und nach Italien über Triest andererseits. Die christliche Bevölkerung dieser Lande war damals noch mehr als in unfern Tagen eine ackerbautreibende. Dieser Umstand mochte es nun vorzugsweise sein, der ihnen den Aufenthalt in diesen Ländern trotz der noch immer frischen Erinnerung an die maßlosen Unbilden und Leiden, die sie hier erfahren, wünschenswerth machte, und es ist ein Erfahrungssatz, daß Früchte, die verboten sind, einen erhöhten Reiz für den Genießenden haben. Und so finden wir denn schon neun Jahre nach ihrer Vertreibung Juden im Besitz von Pässen und Privilegien, die ihnen den Besuch der wichtigsten Handelsplätze Niederösterreichs ermöglichten. Bevor wir uns nun in die Detaildarstellung der Verhältnisse und Zustände der Juden in Oesterreich einlassen, erlauben wir uns zuerst eine allgemeine Uebersicht der staatlichen Verhältnisse Oesterreichs in dem Zeitraum von 1670 bis auf unsere Tage zu geben. Diese ganze Periode, die der Vorwurf unserer Darstellung ist, gleicht einer weiten öden Wüste, in der wir nur selten auf eine sonnige Oase von Duldung und Humanität stoßen. Wenn auch da draußen in Frankreich und Deutschland der Kampf der Geister begann, Ideen geboren wurden, die, um Anerkennung ringend, dieselbe auch zunächst jenseits des Rheins fanden, Oesterreich war, Dank sei es jener chinesischen Mauer, die Unwissenheit und Egoismus aufgebaut, von jener neuen Geistesrichtung ausgeschlossen. Der Druck des Absolutismus lastete schwer auf dem Nacken der Völker, das historische Recht war vergessen, die ständische Mitwirkung ein bloßes Puppenspiel, der Patrimonialstaat in vollster Blüte. Die österreichische Philosophie bewegte sich innerhalb der Schranken des öfficiösen Naturrechts, das zwar die Backen vollnahm bei der Erwähnung der angeborenen Rechte des Individuums, unmittelbar darauf aber zugeben mußte, diese angeborenen Rechte des einzelnen gelten insoweit, als sie nicht durch das bestehende Recht eingeschränkt würden. Doch mochte man sich noch so sehr anstrengen, die Gemüther vor der Jnfection moderner Ideen zu bewahren, das konnte man nicht verhindern, daß das Haupt des Reichs, statt auf dem begonnenen Wege der Verfinsterung und Umnachtung fortzuschreiten, mit den altererbten Traditionen brach und einer der eifrigsten Apostel der verpönten Aufklärung, ein muthvoller Bekenner der zeitgemäßen Ideen der Gerechtigkeit und Humanität wurde. Mannichfaltig sind die Wege, die der Genius des Fortschritts wandelt, mannichfaltig die Werkzeuge, die er zu seinen Herolden sich erkürt; er verschmäht es nicht, in die niedere Hütte des Proletariers zu steigen und ihm das Zeichen göttlicher Weihe auf die Stirn zu drücken, wie er andererseits das von der schweren Königskrone gedrückte Haupt des Fürsten mit der unsichtbaren Krone der Gerechtigkeit und Weisheit ziert. Und solch gottgeweihter Priester der edelsten Humanität, der allumfassenden Menschenliebe war Kaiser Joseph, Herrscher in des Worts schönster Bedeutung. Mag man immerhin Joseph den Großen als das Prototyp des sogenannten erleuchteten Despotismus hinstellen; mag man an ihm den ungestümen Eifer tadeln, mit dem er bei der Niederreißung feudaler und klerikaler Misstände so manchen in seinen alten wohlerworbenen Rechten kränkte und störte; mag man immerhin es ihm zum Vorwurf machen, daß die meisten seiner Einrichtungen als Ausfluß seiner absoluten plana pote8ta3 anzusehen sind — das kann aber kein ehrlicher Gegner, welcher Partei auch immer angehörig, in Abrede stellen, daß er einer der edelsten Menschen, in allen seinen Handlungen von den schönsten und herrlichsten Ideen der Gerechtigkeit und Humanität geleitet, zu dem höchsten, eifrigst angestrebten Ziel — der Wohlfahrt und Beglückung aller seiner Völker ohne Rassen- und Religionsunterschied forteilte. Und sonderbar! die Völker, deren Wohlfahrt er 'mit dem Feuereifer des Jünglings und der Ausdauer des Mannes anaestrebt, sie haben ihm, angestachelt durch klerikale und nationale Wühler, sein liebewarmes Menschenherz grausam gebrochen. Leuchtend wie ein Meteor war Joseph II. an dem düstern Himmel, der die schönen Gauen Oesterreichs umnachtete, erschienen und — verschwunden. Die Reaetion gegen das großartige Werk Josevh's begann von Neuem und zurück in die Finsterniß, der sie kaum entronnen, wurden Oesterreichs Völker, wieder geworfen. Die Ideen der Gleichberechtigung — sie prallten ab an dem mächtigen Wall, der Oesterreichs Marken umfriedete, die vollen Klänge begeisterter Freiheitslieder — sie drangen nicht zu den Ohren von Oesterreichs Völkern. Die letzten Jahre des vorigen und die ersten fünfzehn unsers Jahrhunderts verliefen theils in Kriegen gegen die von draußen eindringenden modernen Ideen, theils gegen jenen Mann, den die Vorsehung zur Geisel für Europas Fürsten und Völker sich erkoren zu haben schien. Die ganze Aufmerksamkeit war also nach außen gerichtet. Und als durch die ruhmvolle Erhebung der deutschen Nation