Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 463 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Der biblische OpferculLus, seine Bedeutung und seine Normen. 463 müssen wie der Sturz der abtrünnigen Engel, wenn nicht die göttliche Liebe ins Mittel getreten wäre und durch die beschlossene göttliche Erlösung der strengen Folge des Sündenfalls Einhalt gethan hätte. Der Mensch aber seinerseits fühlte sich Gott gegenüber strafwürdig, und Furcht war an die Stelle kindlicher Liebe getreten. Anstatt diese durch freien Gehorsam zu bethätigen, mußte er jetzt vielmehr die Trennung aufzuheben und zu diesem Zweck die Sünde zu sühnen suchen. Weil aber auf die letztere der Tod als Strafe gesetzt war, so mußte zu ihrer Sühne ein Leben geopfert werden, wenn auch nur zunächst in symbolischer Weise. Aber diese Stellvertretung ist keine rein symbolische, sondern zugleich auch eine typische, und die mosaischen Opfer sind göttlich angeordnete Vor- und Abbilder des einen wahren Opfers, das einst die Sünden der Welt hinwegnehmen sollte. Sie. erscheinen jetzt für die alte Theokratie als die göttlich angeordneten Mittel, sich die Früchte jenes großen und ewigen Sühnopfers anzueignen. Und daß dies auch schon von den Israeliten selbst in dieser ihrer wahren Bedeutung wenigstens theilweise erkannt wurde, leidet keinen Zweifel (vgl. Kurtz, S. 4t fg.). Dieser Anstauung und Zumuthung widerstrebten die Juden und behaupteten, die Opfer seien nichts weniger als in diesem typischen Lichte zu betrachten, sie haben absolute Bedeutung, und werden nach wie vor an der Tagesordnung sein. Ohne sich weiter lim die wahre Bedeutung der Opfer zu kümmern, ohne über ihren ursprünglichen Zweck zu reflectiren, ohne nach dem pädagogischen Ziel zu fragen, welches der göttliche Gesetzgeber bei der Anordnung der Opfer im Auge hatte, stiegen tiefe Seufzer aus der jüdischen Brust, wurden heiße Zähren vergossen wegen des Opferverlusts, und sehnsüchtige Gebete wurden gebetet und inbrünstig wurde Gott angefleht, daß der Tempel wieder gebaut, der Altar wieder errichtet werde, damit auf Moria wieder geopfert werde. In der arabisch - spanischen Periode fing man wieder an, die Opfer und ihre Begründung zu beleuchten; die Buchstabengläubigkeit verwarf alle rationelle Begründung, die Denkgläubigkeit versuchte sich in Hypothesen, die bei den heutigen Bibelforschern wieder auftauchen. Am kühnsten aber auch am einseitigsten sprach sich Maimuni aus. Er betrachtete die Opfer lediglich als Abhaltungsmittel vom Götzendienst, ohne die Lehren der Offenbarung daran zu knüpfen (More 32). Maimuni wurde von der Mit- und Nachwelt darob angegriffen, bis Abarbanel eine Lanze für ihn brach, indem er sagte: Maimuni habe nur die eine primitive Seite hervorgehoben, ohne sie als die alleinige anzugeben, er stellte es nicht in Abrede, daß die Opfergesetze von moralischen und reliaiösen Ideen durchtränkt seien. In diesem Sinne war auch Abraham, der Sohn Maimuni's, für den Vater in die Schranken getreten. Man wies auch darauf hin, daß Maimuni selbst die Opsernormen in seinem Eoder für unbegreifliche statutarische Gesetze erklärte, au deren Begründung man sich höchstens nur versuchsweise wagen dürfe «Ende H. Meila). Auch die Mystik bemächtigte sich dieses Themas, deren Extravaganzen wir aber füglich übergehen dürfen. Mit der Reformfrage trat in jüngster Zeit auch die Opserfrage in den Vordergrund, worüber sich besonders in Hamburg eine Fehde entspann. I. Bernays, Chacham daselbst, trat gegen ein 1841 erschienenes neues Gebetbuch mit einem Bann auf, indem er es durch öffentlichen Anschlag in der Synagoge für unbrauchbar und ketzerisch erlürte, in welchem Bann er unter anderm die unverantwortliche Zerstörung des Gebetgeistes durch Wegstreichung und Ummodelung der auf unsere religiöse Zukunft Geulo und Maschiach bezüglichen Stellen urgirt; diese Herausforderung ward durch die Behörden beseitigt. Der Tempelverein begnügte sich aber nicht mit dem Schutz der Regierung, er verfocht sein Gebetbuch auch vor der öffentlichen Meinung. Der Streit betraf vorzugsweise den Messiasbegriff, dessen Ausdruck das Gebetbuch gänzlich geändert habe. Philippson äußerte, daß die Bitte um per-