Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 462 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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462 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Schose der Natur verwandelt. Allein die Opfer büßten am Ende doch ihren ganzen Nimbus ein, die Priester gegen Ende des zweiten Tempels waren noch entarteter als die des ersten, die Erkenntlich und die Kenntnch der Lehre wurden durch die Schulen und in denselben gehegt und gepflegt, die Rabbinen machten Front gegen die Priester, die Pharisäer verpflanzten Institutionen des Tempels in die Kreise des Lebens, die Essäer entsagten den Opfern ganz und gar. 'I Endlich wurde der Tempel zerstört, der Altar in Schutt und Asche gelegt, die Opfer nahmen ein Ende, der Opfercultus hörte auf, und die Priester mußten sich mit einem blassen Schemen ihrer einstigen Glorie und Bevorzugung begnügen. In der Zerstreuung machten sich natürlich verschiedene Geistesrichtungen geltend, arbeiteten sich mehrere Stand- und Gesichtspunkte Heralls, manche erwarteten den Messias, der den Tempel wieder Herstellen und den Opfercultus wiedereinführen werde. Rabbi Jsmael ben Elisa neigte einst an einem Sabbatabende ohne Bedacht das Oel einer Lampe zum Docht, damit er Heller brenne; da notirte er sich in sein Tagebuch: Ich Jsmael ben Elisa neigte das Oel am Sabbat zum Docht, bis der Tempel erbaut wird, bringe ich ein feistes. Sündenopfer (Sabbat 12, 2). Daß er dies ironisch meinte, möchten wir bezweifeln. Andere, und zwar die meisten glaubten, die Opfer werden durch fromme Werke hinlänglich ersetzt. Rabbi Abahu sagte: Wer an der Hochzeitstafel freudigen Antheil niinmt, bringt dem Herrn ein Dankopfer dar (Berachot 6). Rabbi Jose bar Chanina sagte: Wer einen Talmudgelehrten in seinem Hause bewirthet, hat ein solches Verdienst, als hätte er das tägliche Opfer dargebrachtsebend. 10). Rabbi Jochanan sagte: Wer zu Gott mit Phylakterien und Schaufäden betet und das Schema liest, ist dem gleich, der einen Altar errichtet und darauf opfert hebend. 15). So oft Rabbi Sche- *) Daher heißt es Nedarim, 10: Die ersten Chassidim, d. i. die Essäer, wurden Nasiräer, weil sie noch gern Opfer brachten. schet fastete. Pflegte er nach dem Abendgebet zu beten: Herr der Welt, dir ist es bekannt, daß, während der Tempel stand, der sündige Mensch vom Sündenopfer das Fett und Blut auf den Altar brachte, und er wurde versöhnt; ich habe gefastet, und Fleisch und Blut verloren, nimm mein Fleisch und Blut als Opfer an hebend. 17). Rabbi Elieser sagte: Das Gebet ist vorzüglicher als das Opfer hebend. 32). Rabbi Abahu sagte ferner: Wer den Feststrauß zu Ehren Gottes trägt, hat ein gleiches Verdienst mit dem, der ein Opfer darbringt (Suca 45). Wer die Opferordnung recitirt, hat gleichsam geopfert (Taanit 26). Rabbi Jehoschua Sohn 'Lewi sagte: Als der Tempel stand, brachte man ein Ganzopfer und hatte den Lohn eines Ganzopfers, inan brachte ein Mehlopfer lind hatte den Lohn eines Mehlopfers, aber der Demuthsvolle bringt Gott alle Opfergattungen dar (Synh. 43). So hatte die nüchterne Anschauung der Propheten vom Opfer in der talmudischen Zeit platzgegriffen. Allein als die Leiden und Drangsale sich häuften, als die Wellen und Wogen über dem Haupte der vom Christenthum verfolgten Juden zusammenschlugen, sah man sehnsüchtig der Restitution Palästinas und der Wiederherstellung des Tempels entgegen, man betrachtete den Opfercultus als absolut werthvoll und gab seinen Gefühlen Ausdruck in einem tausendfältigen Echo von der Restauration der Opfer, im Gebet. Ohne Zweifel hat auch die Anschauung des Christenthums auf diesen Umstand influirt. Das Christenthum betrachtete die mosaischen Opfer als Abwendung des Sünd- und Schuldgefühls des Menschen infolge des Sündenfalls. Durch diesen wurde sein ursprüngliches Verhältniß zu Gott wesentlich alterirt. An die Stelle der Vereinigung mit Gott, die der Mensch durch das Opfer des freien Gehorsams hätte bekräftigen und besiegeln sollen, war Entzweiung und Trennung getreten, nachdem er seinen Willen eigensüchtig über den göttlichen gestellt hatte. Der Eintritt der zuvor gedrohten Todesstrafe hätte mit derselben Nothwendigkeit erfolgen