Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 460 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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460 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Psalmen besingen häufig Jerusalem und Zion als den Ort, den Gott erwählt habe. Hierzu kam noch der dritte Ort, der Berg Moria, auf dem David nach ausdrücklichem Befehl Gottes ein Opfer bringen mußte, und wo hernach der Tempel gebaut ward (2 Sam. 24, 18—25. 2 Chr. 3, 1). Daß dies der für ewige Zeiten unabänderliche geweihte Raum bleiben müsse, ist eigentlich keine ausdrückliche Vorschrift, daher die Samaritaner nicht zu Jerusalem, sondern auf dem Berge Garisim ihren Tempel hatten und opferten, weil sich an diesen Ort nicht nur Opfersondern andere heilige Erinnerungen knüpften. Die Juden wählten Moria, weil da Abraham seinen Sohn opfern sollte und er den Namen erhielt: „Gott läßt sich sehen", auch handelt 5 Mose 33, 12 von der Wohnung Gottes zu Jerusalem, das dem Stamm Benjamin gehörte; die Sage verherrlicht diesen Ort auch durch die Angabe, daß auf Moria Adam und Noah geopfert haben sollen, und daß dieser Platz den aus dem Exil Zurückkehrenden von den Propheten angewiesen wurde. (Maim. bet Habechira 2). Auf alles dieses haben sich aber die Juden nicht berufen, als sie vor Ptolemäus Philometor mit den Samaritanern darüber disputirten, welcher Tempel der rechte sei. Sei dem aber, wie ihm wolle, die Concentration und Beschränkung des Opfercultus auf einen einzigen Ort sollte mit zur Vernichtung des Götzendienstes helfen. Dies gilt aber nur in vorderster Linie; weiter sollten die Specialitäten, welche bei den Opfern vorgeschrieben wurden, die Ideen der Offenbarung zur Anschauung bringen. Die häufigen und energischen Klagen der Prophetei: hinsichtlich der Opfer sind nichtsdestoweniger ebenfalls gerechtfertigt; sie hatten natürlich jene reifere und reinere Volksschicht im Auge, welche dem groben Polytheismus und seinen grausenhaften Ausgeburten schon entsagt hatte, auch nachgerade über sittliche Vergehen schon hinlänglich belehrt sein konnte; und diese Schicht hofften die Propheten durch solche Rügen zu der höhern Anschauung zu führen, daß ein tugendhafter Wandel Gott besser als Opfer gefalle und derselbe durch Bußopfer ohne Aenderung der sündigen Lebensweise nicht versöhnt werden könne. Auch waren jene Rügen häufig gegen die Priester gerichtet, welche aus Eigennutz die Häufung der Opfer beförderten, aber dem Volk nicht den gottgefälligen Weg zeigten, auf welchem es der Opfer gar nicht bedürfe.*) Der Tempel wurde durch Nebukadnezar zerstört, die Opfer hörten auf. Aber die Juden kehrten aus dem Babylonischen Exil nach Palästina zurück; die Zurückkehrenden konnten nur solche sein, welche, der Fahne der Propheten folgend, dem babylonischen Heidenthum und den babylonischen Sitten sich fern gehalten hatten. Von da ab finden wir die Elemente des Heidenthums im jüdischen Stamm gänzlich verschwunden. Je mehr sich aber der jüdische Stamm durch die Wirksamkeit der Soferim, welche neben den Opfern auch Gebet und Belehrung einführten, im reinen Mosaismus festsetzte, desto mehr trat die Opposition des Heidenthums gegen dasselbe auf, der Gegensatz wurde ein realer, erhielt Fleisch und Blut, es erhob sich das Heidenthum von außen, um die vom jüdischen Stamm getragene Idee in diesem zu bekämpfen. Jetzt strebte man dem Leben einen mosaischen Charakter zu geben. Die mosaische Idee trat gewissermaßen zurück, und das mosaische Leben trat in den Vordergrund. Die Folge war eine völlige Hingabe an den Buchstaben der mosaischen Schrift, und eine Menge von Einrichtungen, welche die mosaische Schrift buchstäblich nicht enthielt, also einerseits die unbedingte Autorität der mosaischen Schrift, andererseits aber die Auslegung derselben. Auf die Theorie und Praxis der Opfer angewandt, war diese bei den Persern, Griechen und Römern, welche, sobald sie im Innern nur einige Ruhe hatten, im schneidendsten Gegensatz zum Mosaismus auftraten, extensiv und intensiv reichlich ausgebildet; darum hatten die Opfergesetze bei den Juden, wie das ganze Ceremonialgesetz, aus *) Vergl. Berachot 23, Pesachim 17.