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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-09-01 · Heft 6 (September 1865) · p. Seite 454

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
I. Band (1865)
Issue
Heft 6 (September 1865)
Date
1865-09-01
Page
Seite 454 (sequence 30)
Language
German
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454 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Streich, und mit leichtbegreiflichem Entsetzen vernahmen einmal die Bewohner eines Hauses in der Judengasse die übermüthig weltliche Melodie, welche ein Student nach längerer unverfänglicher Uebung der usuellen Tonverbindungen plötzlich einem —Schofar entlockte. Die Sturm- und Drangpoesie der vierziger Jahre, welche eine Vorläuferin des Jahres 1848 war, die Declamationen über Menschenrechte, die anläßlich der auf dem ungarischen Landtage öfter zur Sprache gekommenen „Judenemancipationsfrage" in Presburg oft gehört wurden, und der gerade eben daselbst so oft zum Vorschein gekommene Gegensatz des liberalen Geistes, das waren lauter Momente, welche auf uns und unsere Studiengenossen zu jener Zeit ihren Eindruck nicht verfehlten, einen und den andern zu einem liefern Erfassen der Zeitideen anspornten, und in manchen das quälende Gefühl der Beschränkung erweckten, welche darin lag, daß der jüdische Student zufolge der Stellung der Juden im-Staat von der juristischen Facultät ausgeschlossen war. Vielleicht geschah es km Hinblick auf diesen Umstand, und im Unwillen gegen die Beschränkung auf die einzige medizinische Facultät, daß einmal ein jüdischer Student in Presburg einige präparirte Knochen, die er sich'zum Studium der Anatomie vorsorglich angeschafft, durchs Fenster auf die Gasse warf und so die Furcht vor einem unangenehmen Auftritt, ja sogar auch schon einiges, abergläubische Gerede veranlaßte. Eine Ahnung der Zeit, die mit dem Jahre 1848 im Anbruch war, durchschauerte die Sensitiveren unter uns, und daher finden wir in den Worten: „Vor dem Gewitter" die angemessenste Bezeichnung der nachfolgenden Scenen, zu welchen die bisherigen Zeilen als die erklärende Einleitung dienen sollen. I. Eine Zechernacht. Studenten waren's, arme Ghettosprossen, In Schul' und Schenke fröhliche Genossen, Die standen jetzt vor jener Räume Schwelle, Wo man aus Fluten von dem Wissensquelle, Und aus dem L>taub der hohen Schule Die Milchkuh eines Aemtchens knetet, Um sanft zu ruh'n im Ohnesorgenstuhle, Wenn Mittagssonnenstrahl das Leben röthet. Doch solche Hoffnung war den nichtemancipirten Studenten, diesen Hoffnungirrgeführten, Verschlossen, und mit trübem Blick Ergaben sie sich ihrem Misgeschick. Doch um nur einmal noch zu weben Im edeln, derben, lustigen Studentenleben, Zieh'n sie in mitternächtiger Stunde Aus ihres Ghetto's düsterm Grunde Auf eines nahen Berges grüne Höhen, Wo weinessegenreiche Schenken stehen, Und pochen an mit übermüth'gen Fäusten, Und Pochen auf den Wirth, den feisten. „Thu' auf, du feiner Schenkendrache, Der über Weines goldne Schätze hält die Wache; Erschließe dich, du Fels in Wüstenstegen, . Erschließ' dich unsres Wortes Zauberschlägen, Wie jener Fels es that vor jenem Volke, Vor dem in Wüsten zog die Flammenwolke; Wie der es labt' im heißen Wüstenbrande Mit kühlen Wasserfluten, So labe du die nachtfroststarre Bande Mit deines Weines Gluten." „Stieg damals Mos' auf Nebo's Höhen, Und ließ den Seherblick hinüberspähen, Um der befreiten Sklaven freie Auen Und seines freien Volkes künft'ges Land zu schauen: So steigen wir aus unsres Jetzt verdorrten Steppen, Wo sich gedrückte Brüder mühvoll schleppen, Auf unsrer Träume Wolkenhöhen, Und lassen unsre Seufzer wehen Hinüber in die Zeit der Freiheit." „Mach auf, durch unsrer Kehlen glüh'nde Stege Soll Wein sich ebnen blüh'nde Wege; Wach auf, du Schenkenaristarche, Schenk ein den Wein, dann weiter schnarche!" Tritt der Schenke aus dem Hause, Oeffnend seine Zecherklause, Dringen ein die nächt'gen Pilger, Weines jubelnde Vertilger; Aber mitten im Gelage Singen still sie diese Klage: Man ließ uns frei zum Ziele rennen Und gibt uns nicht des Rennens Preis, Man ließ für Wissen uns entbrennen Und schließt vor uns des Wirkens Kreis. Wir durften Blüt' um Blüt' entfalten Nur in des Musentempels Raum, Doch darf sich nicht zur Frucht gestalten Des Judenschülers Blütentraum. Nur drei der nächt'gen Zecher schweigen Bei diesen Klageworten: Baruch, der schwarzgelockte, bleiche, Und liederschwangere Genosse; Heli, der lustige Kumpane Baruch's, des bleichen Gesellen; Zodik, der rothgelockte Bastarde Der neu und alten Lehre. Und Baruch hört mit empörtem Herzen So zahme Klageworte Von jugendmuthigen Gesellen, Und so zu sprechen begonnn er: Habt bald ihr ausgeklagt und ausgejammert Um eine Faser jener armen Freiheit, Die eine blasse, wurmzernagte Blüte, Geschriebner Satzung dürrem Strauch entsproßt? Die Freiheit, die euch Menschenhand mag geben, Sie kann von Menschen auch genommen werden.

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