Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 453 (sequence 29)
- Language
- German
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Vor dem Gewitter. 453 um zum Behuf der Prediger- oder anderer Sanieren die Gymnasial- und die damals sogenannten „philosophischen" Studien mit einem möglichst geringen Zeitverlust zu absolviren, und wandten sich, obgleich es in Ungarn noch viele andere protestantische Lehranstalten gab, welche bereit waren, bei der Aufnahme erwachsener Studirender mit der obenerwähnten Liberalität vorzugehen, doch vorzugsweise nach Presburg, erstens, weil das übrige Ungarn damals den meisten Nichtungarn eine tsri-a ineoK-nita war, und zweitens, weil die große'jüdische Gemeinde in Presburg den meist unbemittelten jüdischen Studirenden durch „Hofmeisterstellen" und „Lectionen" die nötigsten Subsistenzmittel bot. So zählte denn Presburg viele jüdische Studirende, theils solche, die zufolge ihres reifern Alters, oder weil sie Rabbiner oder Prediger werden wollten, sich zu der althergebrachten Hausordnung der Gemeinde und Gemeindeglieder in keinerlei Opposition setzten, theils aber auch viele jüngere, die sich entweder überhaupt keine Rücksicht auferlegten oder sich gar berufen glaubten, der „Reform" in der standhaft orthodoxen Gemeinde eine Bahn zu brechen. Es gab hierzu mancherlei Anlässe. Die jüdischen Studirenden mußten ihren betreffenden Schulvorständen Zeugnisse über genossenen Religionsunterricht und regelmäßig besuchten Gottesdienst vorweisen, und da sie nicht Zeit hatten, den gewöhnlichen Gottesdienst zu besuchen, und einige Gemeindemitglieder eben den schüchternen Versuch wagten, sich einen „dem Zeitgeiste entsprechenden Gottesdienst mit Chorgesang" einzurichten, so wurden die Studenten ins Vordertreffen gestellt, und sie ließen sich dazu gern gebrauchen; hatten doch einige stimmbegabte unter ihnen die Rollen des Vorbeters und der Chorsänger unter sich vertheilt, und fanden doch alle gerade in der eifervollen Reaction der Reformfeinde einen Sporn zu ihrem Thun. Für einen ersten „Chanuka-Abend" hatten die Studenten in einem „Minjan", welches ihnen zu ihrem Gottesdienst eingeräumt war, beson- ' dere Vorbereitungen getroffen. Sie waren alle vollzählig beisammen, schöne Chöre waren möglichst gut einstudirt, und der vorausgegangene Ruf der Dinge, die da kommen sollten, hatte viele Gäste herbeigelockt. Und schon hatte der Gottesdienst begannen, schon War der Chor feierlich angestimmt, als ein Mitglied des Rabbinatscollegiums, ein Herr D. Pr., unter der Assistenz -'einiger Bachurim erschien und über das frevelhafte Beginnen seinen Bannfluch aussprach, zugleich ankündigend, daß der Gemeindevorstand seinen Einfluß anwenden und das Einschreiten der Behörde gegen das eigenmächtige Vorgehen der Studenten veranlassen werde. Der alte Herr, ein wahrhaft frommer, sein ganzes Leben hindurch in talmudischen Studien vertiefter, in sonstigen weltlichen Dingen aber ganz unerfahrener Mann, kündigte die Anrufung der weltlichen Macht in seiner Naivheit mit den Worten an. daß die Gemeinde sich es „10000 Dukaten kosten lassen werde", und gab damit der schon im Ausbruch begriffenen Aufregung der Studenten auf einmal eine humoristische Wendung. Bei der Erwähnung der. „10000 Dukaten" brach nämlich ein schallendes Gelächter aus, und der Bannschleuderer zog sich beschämt zurück. Aber auch mit der Stimmung, die zur Fortsetzung des unterbrochenen Gottesdienstes erforderlich, war es vorbei, und doch hatten die Studenten das Bedürfniß, noch beisammenzubleiben. Diesem Bedürfniß kam einer vor: ihnen entgegen, indem er den Vorschlag zu einem nächtlichen Ausflug in das nahe Gebirge machte und sogleich allgemeinen jubelnden Anklang fand. Es war ein milder Decemberabend, und alle gingen hinaus in eine bekannte Schenke, deren Wirth über die späten und in jener Jahreszeit so ungewohnten Gäste nicht wenig staunte. Es folgte eine Poetisch tolle Nachtfesttafel, wie wol selten Sine improvisirt wurde. Fern vom Treiben der Stadt, die selbst schon in tiefem Schlummer lag, im winterlich öden Gebirge, in einer einsamen Schenke, um einen roh gezimmerten Tisch saßen sie bei Wein und Bier und schnellstens improvisirtem Mahl, etwa zwanzig Jünglinge, die heute als Männer in aller Welt zerstreut sind. Gesang, Declamationen, begeisterte Toaste, übermüthige Späße und ernste Worte belebten das wunderliche Gelage, und erst um Mitternacht zog die erregte Gesellschaft: beim Schein primitiver Kienfackeln den sich schlängelnden Hohlweg hinab zur Stadt. Was bei dieser Scene an deutsches Studentenleben erinnern mag, hat seinen Grund in den Anregungen, welche die Mitglieder dieses nächtlichen Symposions in dem Lyceum erhielten, dessen Zöglinge die meisten waren. Am evangelischen Lyceum, dessen Professoren weltlich waren, herrschte überhaupt ein freierer Geist als in der katholischen 'Akademie, die sich in einem alten Klostergebüude befand und von Geistlichen geleitet wurde; insbesondere aber erhielten die Studenten des Lyceums von ihren Professoren, welche ihre Studien zumeist an deutschen Universitäten gemacht hatten, und namentlich von dem unter dem Schriftstellernamen Chr. Oeser bekannten Professor Schröer mitunter nachhaltige Anregungen zum Studium der deutschen poetischen Literatur, ja auch zu poetischen Versuchen. Zu diesen Anregungen gesellten sich noch andere Momente positiver und negativer Art, welche die jugendlichen Gemüther in Spannung erhielten, mitunter auch zu Ausschreitungen veranlaßten. Die rituellen Reformbestrebungen, als deren animirteste Verfechter die Studenten auftraten, erhielten fast die ganze Gemeinde in fortwährender eifervoller Wachsamkeit, und der Geist, der sich in der oben angeführten Chanukascene manifestirte, veranlaßte einen oder den andern der Studirenden mitunter zu einem muthwilligen