Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 452 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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452 Jllustr. Monatsh. für die ges. Provinzen wird zur Wahrheit, glaubst du, Galizien werde viele Deputirte jüdischen Glaubens in die Reichsversammlung entsenden? Ich wette, nein! Denn selbst die Intention der Regierung scheitert an dem großgesäugten Vorurtheil, dem wir im politischen, wie im socialen Lehen begegnen, als ob wir eine untergeordnete Rasse wären, wie etwa die Indianer in den Augen der englischen und spanischen Eroberer, und das, weil wir nach unserer Weise selig werden wollen! Unsere Gegner machen uns den Vorwurf, daß wir keine tapfern Feldherren stellen, während sie uns nicht bis zum Lieutenantsrang vorrücken lassen; daß wir keine Agricultur betreiben, während sie uns den Grundbesitz versagen; daß wir uns ausschließlich dem Handel zuwenden, während sie uns dies einzige Gebiet offen lassen! Es ist besser, wir gehen solchen Verhältnissen aus dem Wege, da wir sie nicht ändern können, denn zu ihrer gründlichen Aenderung bedarf es eines neuen Geistes, anderer Volkslehrer, andrer Volksbücher, erleuchteter Seelsorger und eines vollen Menschenalters. Vielleicht ist es draußen anders, schau hin! Laß hier den Tumult wogen, uns bringt er nichts. Siegt der Aufstand, so stehen wir da wie die Aufwärter bei der Festtafel, man läßt sich bedienen, ohne zu danken, die Gutherzigen geben ein Trinkgeld; weiter nichts. Daß für uns nicht die Freiheit erkämpft und das Recht erobert wird, daß die Lerche nicht uns den Tag der Erlösung verkündet, daß man uns nicht in die Hoheitsrechte der Menschheit einsetzen wird, daß endlich die Juden in Warschau, die Juden in Polen Steine zu einem fremden Bau tragen, das glaube deinem alten Vater, der lange genug gelebt, viel genug gesehen, gehofft und gelitten hat, um nicht hinter sich Erfahrungen und vor sich klaren Blick zu haben!" Der nächste Eisenbahnzug entführte Karl Goldheim aus Warschau und den Seinen. Er sah seinen Vater nicht mehr, der kurze Zeit darauf sanft entschlief, ohnedaß eine Krankheit die letzten Lebenstage des alten Mannes ver¬ Jnteressen des Judenthums. bitterte und ohnedaß er Zeit hatte, den Sohn zu rufen. Jetzt lebt der junge Mann in Gesellschaft seiner reizenden Schwester in der Nähe von Koblenz am Rhein in glücklicher Zurückgezogenheit als Landwirth, ein Leben der Arbeit und der Idylle. Vor dem GMitter. Ein Bild aus dem vormärzlichen Leben eines Ghettos. Von Adolf Dm. Das Leben in den den Juden eingeräumten Gassen in Presburg unterschied sich im ganzen wol wenig von dem Leben anderer, älterer und namhafterer Gemeinden. Doch hatte es auch einzelne unterscheidende Merkzeichen, und wir wollen dieselben '.skizziren, soweit sie sich uns in der Zeit unserer Beobachtung, in den vierziger Jahren, und von unserm Standpunkt aus, dem des Studenten, darboten. . Die alte „Jeschiwa" mit ihrer großen Menge von „Bachurim", das feste Beharren der Ge-, meindeleitung und der überwiegenden Mehrheit der Gemeindeglieder in altem Brauch und alten Institutionen einerseits, das peinliche Verhältniß zwischen der jüdischen Bevölkerung und den übrigen Bewohnern der Stadt, und der in der alten Krönungsstadt von Zeit zu Zeit abgehaltene ungarische Landtag mit seinen Einflüssen auf die Erwerbs- und die socialen Verhältnisse Presburgs andererseits, verliehen der dortigen jüdischen Gemeinde unstreitig ein individuelles Gepräge; aber gewiß ist, daß in der bezeichnten Periode zu letzterm auch die große Menge jüdischer Studirenden nicht wenig beitrug. Es standen denselben zwei Lehranstalten offen, wo sie die damals üblichen „lateinischen Schulen" absolviren konnten, die katholische Akademie, welche nebst sechs Ghmnasialklassen, zwei philosophische und zwei juridische Jahrgänge umfaßte, und das lutherische Lyceum, das ungefähr eine gleiche Organisation hatte. Die Akademie mit ihren strengern Normen, welche Privatprüfungen und das Ueberspringen eines oder gar mehrerer Jahrgänge nicht zuließen, wurde nur von einheimischen und verhältnißmäßig wenigen jüdischen Studirenden besucht. Dagegen bot das Lyceum der evangelischen Gemeinde durch den Liberalismus, mit welchem es Erwachsene, die nie eine lateinische Schule besucht hatten, nach einer leichten Prüfung mit Zeugnissen versah und in die höhern Jahrgänge aufnahm, Gelegenheit zu einen: großen Conflux jüdischer Studirender aus allen Theilen der Monarchie, besonders aber aus Böhmen und Mähren. Sie kamen aus den Jeschiwas ihrer Heimat,