Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- I. Band (1865)
- Issue
- Heft 6 (September 1865)
- Date
- 1865-09-01
- Page
- Seite 451 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden in Warschau zur Zeit der letzten Bewegung. 451 falltag erschienen, oder verlangen wir eine theilweise Deckung, sagen wir: bevor wir Minister und Generale werden, erlaubt uns vorläufig in unbefugten Bezirken zu wohnen, so wendet man uns den Rücken und zuckt mit den Achseln, als ob wir Albernheiten schwatzten. Meine Worte fielen in ein taubes Ohr; Karl hing sich an die Männer, die ihn jetzt abschütteln, und nun erst ist er zur Erkenntniß gekommen. Wohlan, ich werde trachten, daß er uns zurückgegeben werde, um eine Hoffnung ärmer, aber um die Erfahrung reicher, daß der Jude kein Vaterland hat und sich ihm kein Land anders öffnet als etwa der Gasthof dem Fremden, wo er für sein Geld beherbergt wird, wo er aber keine Familie, keine Theilnahme und keine Herzlichkeit findet. Unsere einzige Mission ist Geld zu machen, weil wir ohne dasselbe nicht existiren können. Mögen wir noch so viele Intelligenz, noch so viel Geist und Herz aufweisen, mag unser Wille noch so redlich, unser Charakter noch so unbefleckt sein, wir finden geschlossene Thüren und an allen Aemtern und Würden die verhängnißvolle Tafel, alt wie das Vorurtheil, mit der Aufschrift: „Juden werden nicht zugelassen!" Zwei Tage darauf wurde Karl entlaßen, nachdem ihm Kuriloff eine Ermahnung mitgegeben. Er trat ins Vaterhaus, um ein Jahrzehnt älter, als er es vor wenigen Tagen unfreiwillig verließ. Seine Jugend hat in dieser kurzen Zeit die Blumen abgestreift, sein Frosinn und seine kecke Zuversicht sind dem Ernst und der Ueberlegung gewichen, sein Blick ist ruhiger und sein Gang langsamer geworden. Große Ereignisse bringen über Nacht jene Umwandlungen hervor, zu denen die Zeit Zeit braucht, um sie zu vollführen. Wie ganz anders dachte und fühlte er vor kaum einer kurzen Woche im Bewußtsein seiner Macht als Glied dieses großen, mächtigen, revolutionären Körpers, der das gewaltige Rußland aus seinen Angeln zu heben schien; im Vollgefühl seiner Liebe; im Vollgenuß seiner kühnen Hoffnungen und nun? Nun, ein um die schönsten Erwartungen betrogener Mann, dem all die Hellen Farben des Lebens auf einmal verblaßten! Sein Vater empfängt ihn mit einer Leutseligkeit und Liebe, als käme er vom Friedhofe heim, wo er ein Theures begrub und nun des Trostes und der Zärtlichkeit bedarf. Kein Wort des Vorwurfs oder der Ermahnung, keine moralischen Sentenzen. „Lieber Karl", sagt er ihm nach einem längern gleichgültigen Gespräche, „die Verhältnisse beginnen hier precär zu werden; ich möchte mein Geld in Preußen anlegen, wolltest du nicht nach" Berlin reisen?" Karl fühlt die zärtliche Absicht des Vaters heraus und mit dem Ausdruck der Dankbarkeit erwidert er: „Ich werde reisen, wenn du es wünschest." „Siehest du, liebes Kind, fährt der Alte fort, du hast die Welt noch nicht gesehen; es gibt schönere Länder, bessere Verhältnisse und lichtere Zustände als hier; wäre ich nicht so alt, ich würde in die schöne Welt hinauspilgern, um das bunte Leben der Völker an mir vorüberziehen zu lassen wie die Bilder eines Kaleidoskops, und mir dort eine Heimath schaffen, wo es mich am besten anmuthet. Uns, denen die Scholle versagt ist, muß es gleichgültig jein, wo die Wiege unserer Kinder steht und wo einst unser Grab gemacht wird; uns, denen die Mitwirkung am Staatsleben vorenthalten ist, bleibt es einerlei, unter welcher Regierung wir den Nacken beugen. Finden wir ein Land, das sich uns mit Mutterarmen aufthut, ein Volk, das uns brüderlich aufnimmt, Gesetze, die nach keinem Glaubensbekenntniß fragen, so haben wir ein zweites Jerusalem gefunden und sollten uns an dieser geheiligten Erde ansiedeln, und wäre es als Tagelöhner, die ihre Brotkrume im Schweiß des Angesichts erwerben, statt dort zu prassen, tvo man uns aus dem gesellschaftlichen Verband ausschließt und die Kinder schreckt: Der Jude kommt!" Karl läßt den Kopf hängen. Er antwortet nicht. „In Oesterreich erwacht eben ein politisches Leben; die Autonomie der